Wer die umfangreiche Studie von Wolfgang Martynkewicz zur Hand nimmt, der wird wissen, dass sich in den deutschsprachigen Metropolen - vor allem in Berlin und Wien - um 1900 ein hochbrisantes Gemisch aus Hochkultur, Rassismus und völkischem Denken zusammengebraut hat. Eine glänzende Studie dazu liegt seit einiger Zeit mit Brigitte Hamanns Monographie Hitlers Wien" (1998 ff. bei Piper) vor.
Auch Martynkewicz scheint der Historie der Mesalliance zwischen deutschem Geist und deutschem Ungeist zwischen 1900 und 1945 nachspüren zu wollen. Methodisch hat sich der Autor an Clifford Geertz' Konzept der "dichten Beschreibung" orientiert und eine kleine "Brennweite" gewählt: An der Geschichte des Verlegerehepaares Bruckmann exemplifiziert Martynkewicz die Verstrickung der deutschen "Hochkultur" in die geistige Genese der nationalsozialistischen Terrorherrschaft.
So jedenfalls der Anspruch. Das Ergebnis indes fällt in weiten Teilen ernüchternd aus. Den beiden Rezensenten, die sich bislang lobend und charmante Nettigkeiten austauschend über Martynkewicz' Arbeit geäußert haben, muss bedauerlicherweise widersprochen werden. "Salon Deutschland" löst die hochtrabenden Ansprüche keineswegs ein. Und man kann nur spekulieren, woran das liegen mag: am dann doch überfordernden Sujet, an der eher kargen Quellenauswertung oder aber - und vielleicht am wahrscheinlichsten - an der fehlenden kritisch-historischen Ausbildung.
Methodisch steht die Arbeit Lothar Galls "Bürgertum in Deutschland" (1989) nahe. Gall zeichnet die Sozial- und Mentalitätengeschichte des deutschen Bürgertums am Beispiel der Familie Bassermann nach. Bis heute ein geschichtswissenschaftliches Meisterwerk. Und zwar vor allem deshalb, weil Gall es virtuos versteht, die "Brennweiten" zu wechseln, weil er es versteht, aus einem bürgerlichen Makrokosmos Rückschlüsse auf die großen geistes-, sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Entwicklungen vom 17. bis zum 19. Jahrhundert zu ziehen - et vice versa. Gall hat in herausragender Weise gezeigt - um ein Wort Droysens zu paraphrasieren -, wie aus Geschäften Geschichte wird.
Daran scheitert Martynkewicz gründlich; er bleibt dem Privaten, dem Biographischen, verhaftet und beschreibt amouröse Tändeleien, wo der Leser ein Aufblenden ins Politische, Geistesgeschichtliche, Historische erwartet, ja erwarten darf. Die Affinität zum Apolitischen ist ein Grundzug dieses gut sechshundertseitigen Werkes von Anfang bis Ende.
Er erklärt, warum "Salon Deutschland" substantiell nicht an Arbeiten wie etwa die von Hamann heranreichen kann: Ideen und Ideologien bleiben durchweg punktuell und individuell; ja sie bleiben Privatsache. Alldeutsche, völkische Bewegungen werden aus dieser engen Perspektive ebenso wenig erkannt wie soziale und wirtschaftliche Impulse, wie die spätestens seit den 1920er Jahren systematisch betriebene Mobilisierung der Massen, wie die Gegenläufigkeit von Germanenkult und gesellschaftlicher Modernisierung usw. So beschreibt Martynkewicz eine Welt, in die der Kanonendonner der Weltkriege, der Lärm der Revolution 1918/19 und zuletzt das Elend der durch das NS-Regime Gepeinigten und Gemordeten nicht dringen kann. Eine alles in allem mental zwar etwas krude, aber harmlose Welt.
Aus der erhofften Plastizität von Martynkewicz' Beschreibung wird so ein bisweilen affirmativ anmutender antiseptischer Diskurs. Einer der allzu kühl und distanziert wirkt, einer, dem die kritische Interpretation und Aneignung - methodisch und sachlich - fremd zu bleiben scheint. Bei allem Engagement, das dem Verfasser zweifelsohne zugestanden werden muss, ist zu hoffen, dass diese Form der Zeitgeschichtsschreibung nicht Schule machen wird. Inhaltlich ist die Geschichtswissenschaft - namentlich die deutsche und die englische - über dieses Stadium bereits in den 1980er Jahren hinaus gewesen.