"Der Schatten im Norden" ist Philip Pullmans zweites Buch über die ungewöhnliche Heldin Sally Lockhard. Und obwohl schon
Der Rubin im Rauch gut war, ist dieses noch um Längen besser. War ich von jenem noch ein wenig enttäuscht was Charakterzeichnung und Tiefenschärfe angeht, bin ich von diesem hier restlos überzeugt. Ähnlich wie Pullmans Meisterstück
Der goldene Kompass hat es mich von Beginn an gefesselt und mich bis zum Ende mit einer tollen Story und erzählerischer Rafinesse bei der Stange gehalten.
Seit dem ersten Fall, den Sally und ihre Freunde zu lösen hatten, sind sechs Jahre vergangen. Wir schreiben das Jahr 1878, Sally ist inzwischen Teilhaberin des erfolgreichen Fotoateliers "Lockhard & Garland" und eine arrivierte Finanzberaterin. Doch zu ihrem Unglück gerät ihr Ruf in Gefahr, als durch den Untergang eines Dampfschiffes in der Nordsee ein großes Schifffahrtsunternehmen Pleite geht und eine Klientin Sallys, die in Aktien dieses Unternehmens investiert hat, ihr gesamtes Vermögen verliert. Das kann Sally natürlich nicht auf sich sitzen lassen und beginnt Nachforschungen über die Ursachen des verheerenden Unglücks anzustellen. Doch bei ihren Recherchen tritt sie mächtigen Leuten auf die Füße.
Sallys Freunde, der Fotograf und Hobbydetektiv Fred und dessen Partner, der Lebenskünstler Jim Taylor, arbeiten unterdessen an einem überaus vertrackten Fall, der mit übernatürlichen Visionen, einem Mordanschlag und einer großen, geheimen Liebe zu tun hat.
Als sich heraus stellt, dass beide Fälle auf das engste miteinander verwoben sind, sehen sich die Freunde einem schier undurchdringlichen Netz aus Verbrechen und Intrigen gegenüber - und geraten in einen Sog der Ereignisse, der ihr gesamtes Leben in eine gigantische Katastrophe zu reißen droht...
Dieses Buch hat alles, was man sich von einem guten Schauerkrimi erhofft: Romantik, Humor, düstere Geheimnisse, ein geniales Scheusal mit einem teuflischen Plan und jede Menge Spannung und Dramatik. Dazu noch tolle Schauplätze, gelungenes Zeitkolorit und symphatische Charaktere, die viel stimmiger und deutlich besser ausgeleuchtet sind als im ersten Band.
Doch Pullmann verlieh seinem Roman noch das gewisse Etwas mehr, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Es ist am ehesten als wohliges Kribbeln zu bezeichnen; nahezu das gleiche wohlige Kribbeln übrigens, das mich den "Goldenen Kompass" hatte verschlingen lassen.
Dass es sich um ein Jugendbuch handelt, ist auch für den anspruchsvolleren Romanleser kaum zu spüren. Hier zeigt sich ein Autor auf der Höhe seines Könnens und ich kann ihm nur meinen Respekt zollen! Eine echte Empfehlung!