Vor ein paar Jahren las ich im Spiegel einen Bericht über Philip Pullman und sein gigantisches
Bernstein-Teleskop., den Abschluss der Trilogie
HIS DARK MATERIALS. Was ich las klang absolut beeindruckend - und die flugs bestellten Bücher übertrafen sogar noch die Erwartungen - seither habe ich immer interessiert auf Pullmans Arbeit geblickt, aber lange Zeit kein weiteres seiner Bücher gekauft - bis jetzt.
"Der Rubin im Rauch" - in der neuen Carlsen-Ausgabe mit dem Untertitel "Ein Sally-Lockhard-Krimi" versehen - erzählt die Spannende Geschichte der 16jährigen Sally, die bei einem Schiffsunglück ihren Vater verloren hat. Kurz nach der Tragödie erhält sie einen geheimnisvollen Brief, der sie mahnt, sich vor "Sieben Wohltaten" in acht zu nehmen und sich bei einem Gewissen Major Marchbanks zu melden. Doch bevor sie das tut, eilt Sally zur Firma ihres Vaters, um den Mitinhaber auszufragen, was es mit diesen Wohltaten auf sich haben könnte. Doch kaum hat sie ihre Frage gestellt, als ihr Gegenüber auch schon stirbt - vor Schreck. Kurz darauf macht sich Sally auf, den Major zu besuchen und bekommt von diesem ein Tagebuch ausgehändigt, in dem er verspricht, alles aufzuklären, was es mit den "Sieben Wohltaten", dem Tod ihres Vaters und einem geheimnisvollen blutroten Rubin auf sich hat. Wieder unterwegs nach Hause trifft Sally auf eine zwielichtige Alte, die ihr nachstellt - und auf einen jungen gutaussehenden Fotografen, der ihr Schutz vor der unheimlichen Frau bietet, und bei dem und dessen Schwester sie unterkommt, als sie sich mit ihrer lieblosen Tante verkracht und wegläuft. Was der Fotograf (Frederick ist sein Name) allerdings nicht verhindern kann, ist, dass Sally das wichtige Tagebuch gestohlen wird. Alles, was ihr bleibt ist eine scheinbar krude Anweisung, die Sally zu einem Schatz führen soll, der ihr zusteht. Gemeinsam mit Frederick und weiteren Freunden macht sie sich auf die Suche nach dem Schatz und der Antwort auf die Frage, was es mit ihrer Vergangenheit wirklich auf sich - und was der verwirrende Albtraum zu bedeuten hat, der sie seit Jahren immer wieder heimsucht. Doch die Freunde müssen sich in acht nehmen, denn sie haben mächtige, unsichtbare Feinde...
Die Geschichte ist spannend erzählt und gut konstruiert, doch man muss sehr sorgfältig und aufmerksam lesen. (Tut man das nicht, gehen einem möglicherweise wichtige Hinweise durch die Lappen, deren Fehlen in der Erinnerung einem den Spaß an der Auflösung eines Rätsels trüben könnten.) Auch gibt sie einem ein recht gutes Bild der Verhältnisse im viktorianischen London, wenngleich sich dieses nie so scharf stellt, wie bei der Lektüre von Dickens oder Wilkie Collins; aber das wäre vielleicht auch zu viel verlangt. Positiv ist auch die Figur der Sally an und für sich: Das Mädel kann nämlich dank der Erziehung ihres Vaters nicht nur gut mit dem Schießeisen umgehen, sondern auch verflucht gut mit Zahlen hantieren, was damals eigentlich undenkbar war.
So weit die Vorzüge des Buches.
Was mir ausdrücklich FEHLT, ist die psychologische Tiefenschärfe der Figuren. Man hat nie einen wirklichen Einblick in deren Gefühlsleben. Sally wankt - vor allem anfangs - recht gefühllos durch die Welt. Möglicherweise ist das noch dem Schock über den Verlust ihres geliebten Vaters zuzuschreiben. Erst sehr spät zeigt sie Gefühle. Auch die restlichen Figuren bleiben einem ein wenig fremd, weil sie zu zweidimensional wirken.
Alles in allem aber ist die ein waschechter Krimi mit toller Geschichte, gutem Zeitkolorit und interessanten Schauplätzen; genau das richtige für ein paar gemütliche Abende auf der Couch.
Übrigens: die nächsten beiden Bücher (
Sally Lockhart 02: Der Schatten im Norden und
Sally Lockhart 03: Der Tiger im Brunnen) gewinnen noch DEUTLICH an Qualität und Spannung. Unbedingt auch ansehen!