Der eine oder andere wird angesichts der Überschrift meiner Rezension zu sagen wissen, dass es vier Sally-Lockhart-Bücher gibt, aber
Das Banner des Roten Adlers hat eigentlich kaum etwas mit Sally zu tun, und so ist für mich nach "Der Tiger im Brunnen" Schluss. Und was für einen Schluss Pullman hier mal wieder geschrieben hat! Wie schon bei der
Lyra-Trilogie ist auch dieser letzte Teil der beste der drei Bände.
Wir schreiben das Jahr 1881; seit den Ereignissen im zweiten Band sind drei Jahre vergangen. Sallys Finanzberatung prosperiert, sie hat inzwischen zwei Angestellte. Dennoch ist sie noch immer nicht so recht gesellschaftsfähig: Sie lebt mit ihren Freunden (zwei unverheirateten Männern!) und ihrem (unehelichen!) Töchterchen in einer gemütlichen Villa am Rande Londons. Ihre Freunde jedoch sind gerade auf Dschungel-Safari in Südamerika, als das schöne Leben plötzlich vorbei ist: Ein gerichtliches Schreiben setzt Sally davon in Kenntnis, dass ihr Ehemann sich von ihr scheiden lassen will und das Sorgerecht für das Kind verlangt.
Ehemann? Was für ein Ehemann? Diese Frage stellt sich auch Sally verwirrt, hält das alles aber für einen schlechten Scherz. Als sich die Dinge aber immer weiter verschlimmern, und nicht einmal ihr Anwalt Sally davor bewahren kann, dass ihr das Sorgerecht für ihre knapp zweijährige Tochter entzogen wird, bleibt ihr nur, sich verzweifelt die kleine Harriet zu schnappen und unterzutauchen. Und schon bald ist auch noch die Polizei hinter ihr her - wegen Kindesentführung!
Die Falle, in der sie sitzt, ist so geschickt gestellt, dass ihr jede Hoffnung unter den Fingern zerbröselt, sobald sie sich ihr auch nur nähert; ja nicht einmal in den finstersten Vierteln Londons ist sie vor ihren Häschern sicher - und überdies hat sie kaum noch einen Shilling in der Tasche, da ihr "Ehemann" sich alles unter den Nagel reißt und sie vollständig aus ihrem eigenen Leben drängt.
Doch frei nach dem alten Sprichtwort "Immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her" sieht sie sich in ihrer schwersten Stunde unverhofft von Sozialisten und Juden unterstützt, die mit Sallys Widersacher auch noch eine Rechnung offen haben. Und auch sie selbst bemerkt bald, dass ein alter Bekannter hinter allem steckt. Und er verfolgt einen teuflischen Plan...
Was für eine Story! Was für eine Umsetzung! Die Spannungsschraube wird von Seite zu Seite weiter angezogen, ohne dass das Ganze je zu einem platten Thriller mutiert. Pullman zeigt sich hier nach
Der Schatten im Norden einmal mehr auf der Höhe seines Könnens und zeigt sich als sozial engagierter Denken-Könner in der Tradition eines Charles Dickens. Letzteres bitte ich, nicht falsch zu verstehen: es geht mir nicht um die literarische Qualität (da ist Dickens in meinen Augen kaum einholbar), sondern um das soziale Engagement, um die Wut auf Ausbeuter und Spekulanten, um das Mitgefühl mit den Ärmsten der Armen und den vom Schicksal getretenen... Und so zieht er ein Panorama auf, das auch vor bitterstem Elend nicht die Augen verschließt und zieht Schlüsse, die vielleicht sogar Karl Marx wohlwollend abgenickt hätte. Und all das ist in einer recht eleganten, aber doch leicht lesbaren Sprache auch für Jugendliche verständlich gemacht, ohne jedoch bei literatur-erfahrenen Erwachsenen einen schalen Nachgeschmack zu hinterlassen.
Von daher: Meine absolute Empfehlung.
Machen Sie nur nicht den Fehler und vergleichen Sie Sally mit Lyra. Das ist, als wollte man Süßkirschen mit Hallorenkugeln vergleichen...