Wahrscheinlich das aussagekräftigste Buch zur Werbegrafik der letzten zehn Jahre. Nachdem ich später auch die Ausstellung im MAK in Wien gesehen habe, muß ich einem Mann respektvollen Tribut zollen, der seinen persönlichen Wahnsinn bis zur Perfektion diszipliniert hat. Beim Durchblättern der in der Ausstellung aufliegenden fotokopierten Skizzenbücher fiel mir besonders auf, das Sagmeister nicht scheut, jede noch so naheliegende und billige Idee zu durchdenken um sie zu verwerfen, nur um nochmals und wieder und immer wieder neue Ideen zu haben und dadurch im Endeffekt, wenn jeder andere schon zufrieden wäre noch dreißig Entwürfe zu machen und zu einem außergewöhnlichen, individuellen Ergebnis zu gelangen. In der Ausstellung wurde mir klar, wieviel Fleiß und Zeit in diesen Spitzenideen und Ergebnissen steckt, nicht Genialität, sondern stetiges Suchen und nie zufrieden sein eines Getriebenen mit sich selbst. Bemerkenswert in einer computerfixierten Zeit ist auch die Arbeit mit Bleistift und Papier, und zum Teil fünfzig Seiten mit briefmarkengroßen Entwürfen zugepflastert zu einem einzigen Produkt. Was nur beweist das gute Ideen nicht vom Himmel fallen sondern hart erarbeitet werden müssen.
Wie auch die Umschlaggestaltung des Buches "Made you Look" schon dreimal mehr hat als durchschnittliche Bücher; einen Farbfiltergag mit dem bellenden Hund und dem roten Plastikschuber; einen silbernen Schnitt UND dann noch "made you look" am Rand der Vorderseite und drei Knochen am Rand der Rückseite jedes Blatts des Buches gedruckt, was beim leichten Auffächern des Buchschnitts sichtbar wird. Jede dieser Ideen hätte schon einen auffallenden Buchumschlag ergeben, und obwohl von früheren Projekten des Grafikers schon bekannt ergibt die Kombination etwas ganz Neues, nicht dagewesenes.
Immer wie van Gogh mit dem (sorgfältig gepflegten) Image des Künstlers hart am Rande des Wahnsinns kokettierend, ritzte sich Sagmeister bei einer seiner bekanntesten Plakate zu einer Vorstellung seiner Arbeiten den Text auf den Körper. Nicht wie es jeder andere gemacht hätte, mit Farbe oder einer Fotomontage, sondern tatsächlich mit dem Skalpell des Grafikers in die Haut des Oberkörpers geritzt. So ein Beruf kann schon wehtun.
Auch die Lebensbeichte kommt nicht zu kurz, in handschriftlichen aus dem dem deutschen übersetzten Tagebuchauszügen, was aber am Anfang auch unmißverständlich klargestellt wird: Hier erzählt Sagmeister den persönlichen Nebenstrang der Erzählung in Anekdoten zum Haupttext in Druckbuchstaben von Peter Hall, wie die Begegnung mit den Rolling Stones oder David Byrne war und die Entstehung der oft abgedruckten Einladung zur Grafikertagung AIGA in New Orleans mit dem kopflosen Huhn.
Trotzdem erscheint der Tagebuchkommentar nicht gestellt oder nur in Schreibschrift designt.
Sehr persönlich der Werdegang und die frühen Arbeiten aus der Schul- und Studienzeit Sagmeisters, sehr interessant und schonungslos offen auch die Wertung und der Verdienst zu den einzelnen Projekten im Anhang des Buches.
Ich habe dieses Buch verschlungen, das einen Zuseher der Jerry-Springer-Show genauso zufriedenstellt wie einen Abonnenten der Metropolitan Opera. Ich bin schon auf neue Projekte von Stefan Sagmeister nach seiner selbstaufgezwungenen Schaffenspause gespannt und erwarte die dringend notwendige Neuauflage des Buches, wie auch eine hoffentlich genau so amüsante und interessante Fortsetzung in einigen Jahren ("made you look again" oder so). Der Jahresbericht des Leuchtenherstellers Zumtobel mit einer Vase im Relief aus Plastik als Titel und dann in vielen unterschiedlichen Lichtsituationen fotografiert im Innenteil lässt für die Zukunft das Beste hoffen. Weiter so!
Ein fester Bestandteil jeder Bibliothek zum Thema Grafik-Design!