Manager unterrichtet er in schweineteueren Seminaren, für weniger Betuchte hält er Vorträge in riesengroßen Hallen und den Durchschnittsbürgern offenbart er seine Weisheiten in Büchern. Jürgen Höller, der wohl bekannteste Motivationstrainer Deutschlands, bietet für jeden Geldbeutel das passende Format – schließlich sollen alle in den Genuss seiner „erfolgversprechenden“ Lebensphilosophie kommen.
Dass diese Philosophie nichts mit der der Alten Griechen zu tun hat, wird bereits aus dem Titel seines Buches ersichtlich: „Sag ja zum Erfolg!“ War bei Aristoteles noch das kontemplative Leben die höchste Form menschlicher Existenz, so hält es Höller eher mit Goethes rastlosem Faust: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Während Goethes Lyrik von transzendenten Momenten geprägt ist, geht es in der höllerschen Schrift einzig und allein um den Erfolg auf Erden – auch wenn der Autor immer wieder beteuert, ein gläubiger Christ zu sein.
Laut „Motivator“ kann der Mensch seinen Seelenfrieden nur im Aktiv- und Erfolgreichsein erlangen. Höllers Buch soll diesen „Weg zu Reichtum und persönlicher Freiheit“ aufzeigen – ein Schelm, wer darin einen Widerspruch sieht! „Ich kann niemanden motivieren“ schreibt der Autor. Die eigentliche Anstrengung müsse schon vom Leser ausgehen. (Für Höller hat dies den angenehmen Nebeneffekt, dass er seine Hände in Unschuld waschen kann, falls sich der Erfolg nicht in gewünschtem Maße einstellt.) Der Meister selbst gibt nur Tipps, leistet Hilfe zur Selbsthilfe und dient als lebender Beweis für den Nutzen seiner Thesen.
Alter Wein in neuen Schläuchen
Der „Wegweiser zum Erfolg“ beginnt ganz harmlos. Höller duzt den Leser und gibt sich altruistisch: „Ich möchte möglichst vielen Menschen dabei helfen, erfolgreicher und glücklicher zu sein!“ In 15 Kapiteln gibt er „seine“ Strategie preis. Auch wenn man ihm dafür nicht das Prädikat Philosoph attribuieren kann, so hat er sich doch die Bezeichnung Eklektiker redlich verdient. Hemmungslos bedient er sich im Fundus des Weltwissens. Aus den unterschiedlichsten Ecken klaubt er brauchbare Sprüche zusammen, so als ginge der Griff zur Feder einher mit dem Griff zum Zitatwörterbuch oder dem Verzehr von Glückskeksen. „Stay hungry“, „carpe diem“ und „konzentriere dich auf das Wesentliche“ gehören zu seinen Kernaussagen.
Höller belässt es aber nicht beim Anhäufen von Zitaten, Aussprüchen und Bonmots; er erteilt auch Ratschläge. Zum Beispiel Geld als Grundbedürfnis einzustufen, ein Tagebuch zu führen und immer viel Bargeld bei sich zu haben. Der tiefere Sinn in „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ oder „Und wenn es nicht mehr geht, dann muss es eben!“ ist dagegen wohl nur noch eingefleischten Höller-Fans zugänglich.
Dies allein wäre noch lange kein Grund, Höllers Buch als gefährlich einzustufen. Aber er wird immer radikaler. „Letztendlich ist also jeder Mensch ein Egoist“ – dies sei keine Wertung, sondern lediglich eine Feststellung, schreibt er. Seine Aufforderungen „Zeige niemals Zweifel noch Schwäche in der Öffentlichkeit“ und „wer sich mit erfolgreichen Menschen umgibt, der wird irgendwann selbst erfolgreich sein“ deuten darauf hin, dass er das Leben als Kampfzone sieht. So ist es nur verständlich, dass er seine Leser aufstacheln will. Im Eifer des Gefechts unterlaufen ihm dabei aber immer wieder krasse, da kaum relativierte Formulierungen: „Faule sind unsozial!“ und „Arbeitslose seien selbst schuld an ihrer Lage“ fallen in die Rubrik „verbale Ausrutscher“. Besonders perfide ist folgende Vorschrift: „Hüte dich vor allen Dingen, Dich mit Menschen zu umgeben, die ,es‘ nicht geschafft haben. Solche Menschen sollten nicht die Möglichkeit haben, Dir zu sagen, was Du zu tun und zu lassen hast.“
Höller unterscheidet zwei Kategorien von Menschen: die, die unbedingt Erfolg haben wollen (und sich von ihm dazu motivieren lassen), und die, die keinen Ehrgeiz, keine Ziele und kein Selbstwertgefühl haben. Dass man bereits in der Renaissance Loblieder auf die vielfältigen Ausprägungen des menschlichen Geistes gehalten hat, scheint Mr. Motivation in seiner Gradlinigkeit entgangen zu sein. Außerdem ist es schlicht und einfach eine Lüge, den Menschen glauben zu machen, jeder könne im gleichen Umfang erfolgreich sein. Auf die kapitalistische Gesellschaft von heute projiziert, wird so in letzter Konsequenz einer unbarmherzigen Ellenbogengesellschaft das Wort geredet. Motivation durch Diskreditierung und Diskriminierung!
Für den karriereorientierten Menschen ist es ja eigentlich schon eine persönliche Niederlage, wenn er auf das Buch von Höller zurückgreifen muss, um seinem Leben einen neuen Drall zu geben. Dies weiß Höller und darum verweist er ganz geschickt auf sein eigenes Schicksal. Auch er hat irgendwann einmal Hilfe gebraucht – allerdings konnte er sich an seinen eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Jetzt tritt er als der hilfsbereite Samariter auf – oder sollte man doch eher sagen als geldgieriger Pharisäer? Die Hinweise im Buch auf seine Internetseite und seinen Shop, sein Arbeitsheft und seine Veröffentlichungen sind nicht mehr zu zählen. Gebetsmühlenartig wird diese nervige Schleichwerbung wiederholt.
Nichtsdestotrotz stellt „Sag ja zum Erfolg“ eine „aufbauende“ Lektüre dar. Als Leser wird man gebauchpinselt und aufgemuntert. Da man ja selbst bald zu den Erfolgsverwöhnten gehört, wird man bereits jetzt zuvorkommend behandelt. Hinzu kommt, dass das Buch sehr eingängig geschrieben ist: Beispiele dienen als Belege und von wissenschaftlichen Studien werden nur die leicht verständlichen Schlussfolgerungen angeführt. Viele Stellen sind sagenhaft seicht und trotzdem werden Gegenargumente mit einer fast unerträglichen Hybris zurückgewiesen. Der Clou: Höller missbraucht seinen Ratgeber, um Privatfehden mit unliebsamen Journalisten und Kritikern auszutragen. Wirklich gutheißen, können das nur noch indoktrinierte Jasager. Folglich wäre der Buchtitel „Sag ja zum Erfolg von Jürgen Höller“ angebrachter.
„Positives Denken“
All diese gravierenden Mängel hindern Höller nicht daran, seinen Ratgeber immer wieder mit der Theorie des positiven Denkens zu verknüpfen. Diese umstrittene Theorie hat mit Sicherheit schon vielen Menschen neuen Lebensmut geschenkt – für Höller ist sie in „Sag ja zum Erfolg!“ aber nur Mittel zum Zweck.
Was besagt sie eigentlich? In „Pessimisten küsst man nicht. Optimismus kann man lernen“ (erschienen im Knaur Verlag München) versucht der amerikanische Psychologe Martin Seligmann – eine Autorität auf dem Gebiet der Motivationsforschung, auf die sich Höller gerne bezieht – wissenschaftlich nachzuweisen, wie positive Erklärungsmuster den Erfolg im Berufsleben entscheidend beeinflussen können. Optimisten können seiner Meinung nach besser mit Niederlagen und Pechstränen umgehen, da sie Dauer und Wirkungsbereich der negativen Einflüsse für begrenzt hielten und sich nicht für jedes Missgeschick verantwortlich fühlten.
In der betrieblichen Eignungsdiagnostik werden solche Erkenntnisse zunehmend berücksichtigt. Trotzdem werden Fachleute nicht müde, vor den negativen Folgen eines unreflektierten Optimismus zu warnen. Für Psychologen ist die Unterscheidung von extrinsischen und intrinsischen Ursachen ein alter Hut. Motivationstrainer scheinen sie dagegen soeben erst entdeckt zu haben. Deshalb kann das Fazit nur lauten: Motivations-Trainern sollte man grundsätzlich kritisch gegenüber stehen. Denn erstens ist die Definition von Glück sehr relativ und zweitens führen dahin mehr Pfade, als sie uns weismachen wollen.