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Schon der erste Satz hat es in sich: "In der Nacht, bevor ich nach Deutschland zu Mosha, meinem Großvater, fliege, lerne ich jemanden kennen, nehme ihn mit zu mir und schlafe zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Mann", heißt es da. Noch etwas überrumpelt von dem steilen Einstieg fragt man sich, was das Eine mit dem Andern zu tun habe und was wohl dahinter stecke, dass beides in einem Atemzug genannt wird: Frivolität, Schicksalhaftigkeit oder einfach nur eine jener Zufälligkeiten, wie sie das Leben manchmal bereit hält?
Im Verlauf der Lektüre von Vanessa F. Fogels Debütroman "Sag es mir" wird klar, dass der Einstieg in das Buch mit Bedacht gewählt ist. Hier ist eine junge Autorin am Werk, die zwar tief aus dem Fundus der eigenen Biographie schöpft, gleichzeitig aber über genügend Kunstverstand verfügt, um zu wissen, wie man eine Geschichte baut und den Spannungsbogen von Anfang bis Ende durchhält. Die Nacht mit dem fremden Mann ist nicht nur ein Romananfang, sie hat auch die Sicht der Erzählerin von Grund auf verändert. Sie ist der Auftakt zu einem neuen Leben: die Schwelle, die aus der Kindheit hinüber ins Erwachsenendasein führt. Die Reise, die sie antritt, wird zu einer Art Initiation, in deren Verlauf sie erkennt, woher sie kommt, wer sie ist und was sie eigentlich will.
Fela, die Protagonistin von Vanessa Fogels Roman, steht im Begriff, ihren Großvater nach Polen zu begleiten: dorthin, wo alles begann und alles an sein Ende kam. Felas Großeltern sind Holocaust-Überlebende, die nach dem Krieg in Deutschland hängen geblieben sind. Fela ist, wie die Autorin selbst, in Deutschland geboren, in Israel aufgewachsen und noch in jungen Jahren nach New York gekommen. Hinter ihr liegt eine schwierige Kindheit. Sie hatte Großeltern, die über das Erlittene nicht sprechen konnten, Eltern, die mit sich selbst nicht zurecht kamen, und eine Pubertät, die mit Magersucht und Zwangsneurosen lebensbedrohliche Dimensionen annahm. Nichts Neues an sich und in theoretischen Abhandlungen über die Probleme der Kinder und Kindeskinder von Holocaust-Überlebenden vielfach beschrieben. Aber wie Vanessa Fogel darüber schreibt, das ist neu und von überraschender Frische. So kann nur jemand erzählen, der das Beschriebene selbst erfahren hat und gleichzeitig in der Lage ist, sich vom Autobiographischen wieder zu distanzieren.
Trotz des ernsten Hintergrunds entgeht die Autorin der Versuchung, ihre Geschichte bedeutungsschwer aufzuladen. Sie hat, und dies durchaus bewusst, kein Betroffenheitsbuch verfasst, sondern einen ganz und gar zeitgenössischen Entwicklungsroman, der geschickt mit den Themen spielt, die junge Leute von heute beschäftigen. Dass diese junge Frau anders ist als andere Jugendliche ihres Alters, dass sie eine Bürde mit sich herumträgt, die aus der Vergangenheit ihrer Familie auf sie gekommen ist, erfährt man erst mit der Zeit, beiläufig fast und sehr diskret. Die Autorin hat sich bei allem, was ihre Familie betrifft, große Zurückhaltung auferlegt und verfügt darüber hinaus für eine Anfängerin über eine erstaunliche Leichtigkeit und auch Originalität des Erzählens. Ohne Mühe wechselt sie die Schauplätze und zeitlichen Ebenen, und allein ihren Assoziationen folgend, bewegt sie sich zwischen polnischer Gegenwart und deutscher bzw. israelischer Vergangenheit. Nur ein paar allzu explizite Kommentare verraten, dass sie dem eigenen Erzählen manchmal noch nicht so ganz traut.
Tragendes Gerüst des Romans ist die Reise mit dem Großvater nach Polen. Es ist eine Reise zu den Orten der Herkunft und den Stätten der Vernichtung. Häuser, in denen man früher einmal gewohnt hatte, Friedhöfe, auf denen liebe Verstorbene begraben liegen, Konzentrationslager, denen man mehr tot als lebendig entkommen war - dies sind die Stationen einer Fahrt, die für beide, Großvater und Enkelin, existenzielle Bedeutung gewinnt: für den Großvater, weil er endlich jemanden hat, der ihm zuhört, und für die Enkelin, weil sie auf diese Weise endlich erfährt, woher sie kommt und was es mit ihrer Familie auf sich hat. Die Passagen, da die junge Frau, befangen zuerst, doch mit der Zeit immer mutiger und selbstbewusster, ihre Fragen stellt und der alte Mann ihr antwortend seine Erinnerungen preisgibt, gehören zu den eindrücklichsten Passagen des ganzen Buches. Man erfährt beim Lesen etwas von der befreienden Wirkung des Fragens und der Gnade des Antworten-Dürfens. Man spürt, wie der alte Mann ob seinem Erzählen aufblüht und die junge Frau Kraft gewinnt, indem sie sich der belastenden Vergangenheit stellt. Anzeige
Und wenn zu wiederholten Malen darauf hingewiesen wird, dass der Großvater sich ein Buch wünscht, das seine Lebensgeschichte festhält, dann weiß man auch, warum der Roman "Sag es mir" geschrieben werden musste. "Aber ich habe nur meine Worte, mit denen ich es schreiben kann", sagt die Autorin einmal. Dass es die richtigen waren, dafür ist das Buch selbst der beste Beweis.
Doch Fela, so benannt nach der ermordeten Schwester des Großvaters, ist nicht nur der Echoraum für Großvaters Erinnerungen. Fela hat auch ihre eigene Geschichte und wird durch die Reise mit ihrer eigenen schwierigen Vergangenheit konfrontiert: mit Erinnerungen, die auch sie lange Zeit verdrängt hatte und die nun allmählich erkennbar werden lassen, woher ihre bisherigen Schwierigkeiten kamen. Fela hat lange Zeit unter einem Gefühl des Fremdseins gelitten, unter fehlendem Selbstvertrauen und der Unfähigkeit, den eigenen Körper anzunehmen. Fela weiß nicht, wo sie hingehört. Sie hat Mühe, Freundschaften zu schließen. Sie kann Nähe nicht zulassen. Sie kennt sich in ihren Gefühlen nicht aus. Sie leidet unter den Spannungen im Elternhaus und bestraft sich selbst dafür, indem sie aufhört zu essen.
Erzählt wird auch diese persönliche Leidensgeschichte mit leichter Hand und ohne mehr als unbedingt nötig zu psychologisieren. Es ist die Geschichte einer von Krieg und Terror überschatteten, von den Konflikten sich allmählich entfremdender Eltern belasteten Kindheit: für israelische Verhältnisse gar nicht so außergewöhnlich, wie es vielleicht scheinen mag. So ist das eben in einem Land, dessen Bevölkerung zu weiten Teilen aus Überlebenden besteht und dessen Existenzrecht noch immer nicht überall garantiert ist. Vanessa Fogel beschreibt diese Situation, wie es nur jemand tun kann, der lange in Israel gelebt hat.
Doch mehr noch als von Krieg und Terror und dem Gefühl permanenter Bedrohung ist in Vanessa Fogels Roman von Liebe die Rede: von uneingestandener, unterdrückter, nicht gelebter Liebe. Das wird der Ich-Erzählerin Fela bewusst, nachdem sie die Nacht vor ihrer Abreise nach Deutschland mit dem Fremden verbracht hat und gleich darauf das Bedürfnis verspürt, Lior anzurufen, den Freund aus Kindertagen, den sie liebte, ohne es zu wissen, und der sie liebte, ohne es ihr je sagen zu können. Dieser Anruf - fast hätte man ihn am Anfang überlesen - ist es, der Felas Entwicklung ins Rollen bringt. Denn je länger die Reise mit dem Großvater dauert, desto klarer erscheint vor ihrem inneren Auge das Ziel ihrer eigenen Reise: Sie muss zurück nach Israel, in die kleine Siedlung bei Jerusalem, in der sie ihre Kindheit verbracht hat. Sie muss Lior wiedersehen und ihm gestehen, dass sie ihn liebt. Sie muss endlich ihr eigenes Leben leben und nachholen, was sie bislang verpasst hat.
Und Fela weiß, dass sie es kann, denn sie hat auf der Reise mit dem Großvater zum ersten Mal Nähe erfahren und die Tragfähigkeit einer echten Beziehung erlebt. Es macht die bittere Wahrheit dieser ungewöhnlichen Liebesgeschichte aus, dass es zu einer zweiten, glücklicheren Begegnung mit Lior nicht kommt. Denn wieder einmal ist Krieg im Nahen Osten, und wieder einmal kommt ein junger Mann aus diesem Krieg nicht zurück. Ausgerechnet jetzt, da Fela sich endlich von altem Ballast befreit, ihren Platz in der Familie gefunden und auch gelernt hat, sich als Teil der jüdischen Geschichte zu begreifen, ausgerechnet jetzt, wo alles hätte gut werden können, wird auch ihr etwas von jenem Leiden aufgebürdet, das dieser jüdischen Geschichte eingeschrieben ist.
Wenn Vanessa Fogels Roman gleichwohl nicht in düsterem Moll endet, dann deshalb, weil der Selbstfindungsprozess der jungen Frau nicht mehr rückgängig zu machen ist. Zum Zeichen dafür, dass sie bei sich selber angekommen ist, lässt sie sich ein Tattoo stechen: einen kleinen Davidstern, der sie fortan zeichnet, wie die blaue Nummer den Großvater gezeichnet hatte - aber jetzt nicht mehr als Opfer, sondern als eine junge Frau und Jüdin, die von sich selbst Besitz ergriffen hat und Ja sagt zu sich und zu ihrer eigenen Geschichte. --Die Welt, 27.11.2010: Klara Obermüller, "Ein Buch für Großvater."
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