Mit viel Überzeugungskraft und Zeilen schildert Sefi Atta die alltäglichen drastischen Zumutungen in der nigerianischen Metropole Lagos. Dreck, Raub, Polizeiwillkür, Bürgerkrieg, völlig verwahrloste Gefängnisse, schmutzige Lebensmittel, Dauerstaus, korrupte verbrecherische Diktatoren, Vergewaltigung, stundenlanger Stromausfall, Benzinmangel, versiffte Umwelt - Elend ohne Ende, everything bad. Besonders Frauenschicksale werden vorgeführt: Frauen müssen kuschen, kochen und Kinder kriegen, vor allem Söhne, sonst geht's mit der Achtung bergab. Männer betrügen und quälen Frauen, lassen sich bedienen und reden Käse in der Kirche.
Everything Good Will Come ist Sefi Attas erster Roman (2005, deutscher Titel Sag allen, es wird gut). Atta, die seit der Jugend meist in England oder USA lebte, schreibt sehr subjektiv und unmittelbar; man hat oft das Gefühl, die Ich-Erzählerin schimpft dem Leser direkt ins Ohr. Das klingt nicht immer ganz verständlich und nachvollziehbar, aber dafür sehr direkt und echt - Wut, Frust, Übelkeit und Angst live, gelegentlich auch Freude. Einige Passagen sind atemberaubend scharf und prägnant getextet (ich habe das englische Original gelesen); gelegentlich verfällt Atta in allgemeineres Jammern über Politiker, Militärs oder Männer. Afrikanische Gerichte und Sitten werden oft ausdrücklich erklärt, der westliche Leser so zur Zielgruppe deklariert.
Anders als die Werbung suggeriert, ist EGWC kein Buch übers Erwachsenwerden. Im Großteil des Buchs sind die Hauptfiguren über 20 Jahre alt, nur die ersten zwei Kapitel handeln von Jugendlichen.
Parallelen zu Attas zweitem Roman Swallow (2009, deutscher Titel It's my turn (sic)):
- Lagos in den 80ern als herbe Zumutung (in Swallow jedoch weniger extrem)
- Arbeit als Sekretärin in der Bank (dieser Beruf spielt in Swallow eine größere Rolle)
- zwei unangepasste Frauen in Hauptrollen, die Ich-Erzählerin eher gemäßigt, die zweite Darstellerin extremer
- Frauen haben viel zu erleiden (sind in Swallow aber etwas stärker)
- Männer stehen in allerschlechtestem Licht da
- Thema Drogenkuriere (in Swallow stärker ausgearbeitet, in EGWC nur ein Randaspekt)
Insgesamt wirkt Everything Good Will Come härter, subjektiver, unmittelbarer, vielleicht etwas weniger glatt lesbar als Swallow. Noch weniger als Swallow eignet sich EGWC für sensible Gemüter. Swallow umfasst einen wesentlich kürzeren Zeitraum und liefert in Rückblenden auch Dorfleben aus vergangenen Jahrzehnten.