Anne West redet über Sex, und das gerne und viel. Das ist zunächst einmal schön, insbesondere der Anfang ist gelungen, wo es gemäß Buchtitel um Dirty Talk bzw. 'Liebesgeflüster' geht. Es geht dann aber weiter, denn das Buch ist ein buntes und zunehmend abstruses Potpourri. Tenor: Maximaler Spaß und Selbstverwirklichung im Bett über alles, und wer nicht mitmacht, ist selber Schuld. West empfiehlt, "moralischen Ballast und überkommene Ideale von Eltern und Großeltern abzuwerfen" und justiert die Regeln für das Liebesleben der Deutschen neu. Alles ist erlaubt, die Tabugrenzen werden nochmals deutlich ausgeweitet, sie heißen jetzt 'Sodomie' und 'Kannibalismus', aber zur Sicherheit gibt's schon Mal ein paar Tipps zur Sodomie...
Das Buch ist absolut extrem, keine Frage. Doch wenn auch der Hengst in die Sex-Beziehung einwilligt und man den Penisring nicht vergisst, warum nicht? :-b Die Meisten dürften hier wohl ihre Grenzen finden. Was ich aber noch nerviger fand, war die komische Einstellung von Frau West zu Beziehungen. Sie bedauert die "mangelnde Partnerschaftserfahrung" - und schwärmt andererseits von den Vorteilen des Single-Daseins und Getrenntlebens. Man soll "offen und direkt" miteinander umgehen - und sie bringt 50 teilweise ziemlich gemeine "Tipps zum Schlussmachen". Männer sind "alles Machoschweine", später dann "Spargeltarzane und Nulpenpflücker". Und nach 340 Seiten mit solchen Sprüchen wundert sie sich noch über die "Angst der Menschen voreinander und davor, abgewertet und abgeurteilt zu werden". Hallo???
Liebe kollidiert hier mit Selbstliebe. Damit und mit der übertriebenen Erwartungshaltung an Sex werden viele Menschen nicht glücklich, wie Frau West selbst schreibt - sie bekommt nämlich viele Leserbriefe. Und als wär' das noch nicht genug, gibt sie noch tolle Tipps zum Fernsehen. Ich selbst lese ja Bücher auch deshalb, weil ich die Manipulation durch die Massenmedien ablehne. Bei West ist das anders, sie schaut gerade Serien, weil die für sie "das wahre Leben" sind! Das Leben soll man so leben "wie in den aufregenden Filmen mit aktiven Leuten". Schön, wenn die Welt so einfach ist. Wer Huxleys "Schöne neue Welt" von vor 70 Jahren kennt: die Vision des trendigen Singles, der sich in einer Spaßgesellschaft auslebt, dafür aber geistig und politisch beschränkt ist und das noch nicht einmal mehr wahrnimmt, ist hier perfekt umgesetzt.