Es gibt ja Texte, die einem immer wieder ein breites Grinsen ins Gesicht zaubern. Am breitesten fällt dieses Grinsen bei mir immer dann aus, wenn jemand krampfhaft versucht, die Musik des Captains in irgendeine Schublade zu stecken oder, noch schlimmer, sie mit irgendwelchen anderen Musikstilen vergleicht.
Leut' macht's euch doch nicht so schwer! Der Captain hat nix mit Art-Rock und auch nix mit Garagen-Punk zu tun. Vielmehr hat Van Vliet über Jahre hinweg seinen eigen Stil geprägt; war aber immer im Blues verwurzelt! Dass dabei sowohl Psychedelic- als auch Boogie-, Underground- und (später auch) FreeJazzansätze einspielten, macht jede Scheibe dieses Genies zu einem musikalischen Unikat.
Doch bleiben wir bei der 'Safe as Milk'. Sie bewegt sich musikalisch, vom Bonusmaterial abgesehen, zwischen Bluesrock, Boogie, Soul und Psychedelia.
Was diese Musik so einzigartig macht, sind neben Van Vliets faszinierendem 'Organ', die völlig verqueren, dadaistischen Texte, die teils wirklich verwegenen Tempiwechsel und die einfache, aber effektvoll eingesetzte Instrumentierung.
Ich möchte das Gesamtkunstwerk 'Safe as Milk', dass nicht nur Tull-Chef Ian Anderson zu einem der zwanzig wichtigsten Alben der Rockmusikgeschichte zählt (im selben Atemzug genannt mit der 'Mirror Man'!), nicht in seine einzelnen Titel zerpflücken, aber doch einige hervorheben:
Schon der Opener 'Sure 'Nuff'n'Yes I do' zeigt, wo es langgeht. Stampfender, pulsierender Bluesrock, wie ihn 1967 kein anderer bieten konnte. Weitere Sahneschnitten sind der schleppende 'Dropout Boogie' und das wirklich sensationelle 'Electricity', das vor allem durch seine düsteren Psychedelic-Elemente lebt. Natürlich muss ich auch das geniale 'Abba Zabba' und das, für des Captains Verhältnisse fast schon fröhlich anmutende, 'Yellow Brick Road' hervorheben.
Für den Captain im Allgemeinen ungewohnt, sind die, nur auf dieser Scheibe und in dieser Form vertretenen, auf positive Weise irgendwie verschleppt wirkenden Soulnummern. 'I'm Glad', 'Where there's Woman' und das, für diesen Bereich Maßstäbe setzende 'Autumn's Child'.
Die Überarbeitung der Bänder hat dieser Scheibe mehr als nur gut getan. Druckvoll, klar und unglaublich dicht kommt der Sound durch Boxen oder Kopfhörer. Für jeden, der noch die alte CD sein Eigen nennt, eine wahre Wonne.
Was der remasterten 'Safe as Milk' aber das Krönchen aufsetzt, sind die, als Bonusmaterial angehängten, restlichen Takes der legendären Mirror Man Sessions. Ich finde es mehr als nur vermessen, zu behaupten, dass es diese genialen Takes nicht wert wären auf dieses Album gepresst zu werden! Jeder der auf den Spuren des Captains unterwegs ist und war, hat diese, jahrelang in Vergessenheit geratenen Takes schmerzlichst vermisst. Sicherlich wären sie auf einer 'Mirror Man Session DoppelCD' besser aufgehoben gewesen. Leider hat das Label aber nun mal anders entschieden. -Und das diese Rest-Takes auf der 'Safe as Milk' Einzug hielten, liegt wohl einzig an der kurzen Original-Spielzeit des Albums.
Da aber sowohl die 'Safe as Milk' als auch die 'Mirror Man' zu den wirklichen Meilensteinen der Rockmusik gezählt werden können, ist die Aufteilung der Mirror Man Session auf zwei Alben nicht wirklich nachteilig.
Natürlich muss ich noch auf die aberwitzigen Takes der angehängten Mirror Man Session eingehen: Allen ist nämlich die teils (positiv-)durchgeknallte Psychedelia des 'Mirror Man Albums' zu eigen.
Besonders hervorzuheben sind hier neben den Tracks 'Safe as Milk (Take 5)' vor allem das wirre 'On Tomorrow' sowie 'Trust Us (Take 9)'. Alle Nummern "leben" durch die, von Alex St.Clair Snouffer furios gespielte Bottneck-Guitar; aber auch durch die durchgängig vorherrschende, musikalische "Wildheit".
Fazit: Die 'Safe as Milk' ist ein Debüt, das in seiner Art und Mache einzigartig ist. Sicherlich mag sich derjenige, der sich ohne weitere Kenntnis dem Werk des Captains nähert, erstmal ein bisschen erschrecken. Doch dieser kleine Schreck wandelt sich spätestens nach dem dritten Hördurchgang in ein durchaus wohlwollendes Staunen und wird, mit zunehmender Beschäftigung mit dieser Musik, nicht nur immer besser, sondern genial!
Damit will ich vor allem eines sagen: Die Musik des Don van Vliet muss man sich im Schweiße seines Angesichts erarbeiten, erleben und erhören.
-Dann lässt sie einen ein Leben lang nicht mehr los!