"Eine Biographie Saddam Husseins zu schreiben kommt dem Versuch gleich, Beweise gegen einen berüchtigten Schwerverbrecher zu sammeln. Die meisten wichtigen Zeugen sind entweder ermordet worden oder wagen nicht zu sprechen." Mit diesen beiden Sätzen beginnt das Vorwort im Buch des britischen Journalisten Con Coughlin, die Programm für die weiteren Kapitel sind. Durch seine ausgezeichneten Kontakte zu Menschen im Umfeld Saddam Husseins und guten Kenntnisse des Mittleren Ostens bekommt dieses Buch seine Tiefe, seine beklemmenden Details und seine Glaubwürdigkeit.
Sicherlich hat man in letzter Zeit auch Einzelheiten aus Saddam Husseins Leben in Zeitungen und Zeitschriften gelesen, doch in dieser Eindringlichkeit eines Buches, in dem sich Kapitel an Kapitel, Fakten an Fakten reihen, bekommt die Geschichte des Saddam Hussein Züge eines Thrillers. Doch spätestens die Fotographien im Buchmittelteil holen einen wieder in die Realität zurück: Was wie ein Familienalbum mit Bildern des jungen Saddam Hussein beginnt, seiner Mutter und seiner Geburtsstadt, wird zum Gruselkabinett angesichts einiger Bilder von Attentaten und Ermordungen, an denen Saddam Hussein maßgeblich beteiligt war.
Natürlich bietet die Kindheit und Jugend dieses Mannes erste Hinweise auf sein späteres Leben: In ärmsten Verhältnissen aufgewachsen, eine nicht geklärte Vaterschaft, leidend unter einem gewalttätigen Stiefvater und bis heute kämpfend mit einem primitiven Bauerndialekt in seiner Aussprache, all dies hat seine dennoch starke Vitalität angetrieben, es eines Tages der Welt zu zeigen. Auch seinem Namen Saddam, der soviel wie "der, der konfrontiert" bedeutet, wird er so durch seine Brutalität und seinen Sicherheitsapparat auf tragische Weise für viele Menschen gerecht. Trotz aller Macht und allem Personenkult bleibt eine tiefe persönliche Unsicherheit erkennbar, die wohl aus seiner Herkunft stammt. Auch gegenwärtige körperliche Beschwerden (er humpelt beim Gehen) versucht Saddam Hussein zu überspielen. Spätestens hier ist es fast zwangsläufig, wenn man Parallelen zu Adolf Hitler zieht. Auch Saddam Hussein ließ Juden aufhängen, und fanatische Religionsanhänger, zumeist Islamisten, sitzen im Irak in den Gefängnissen. Aus diesem Land eine moderne Nation zu machen, brachte ihm auch die Bezeichnung ein, "der Preuße des Ostens" zu sein. Doch es wäre zu einfach, nur der Person Saddam Husseins die Schuld an den gegenwärtigen Zuständen im Irak zu geben. Die Zerrissenheit und tiefe Kränkung des irakischen Volkes durch den Lauf seiner Geschichte und die resultierende Sehnsucht nach Einheit und Geltung sind ein bereiteter Boden für einen Diktator. Aber auch die Staaten, die sich heute gegen den Irak stellen beziehungsweise sogar Krieg gegen ihn führen, tragen nach Meinung des Autors eine gewisse Verantwortung: Vor allem französische und deutsche Exporte von Technologien ließen den Irak mit zu der Bedrohung werden, die es heute darstellt. Doch auch einen für die USA besonders beschämenden Fakt greift Con Coughlin auf: Unter Präsident Ronald Reagan war es der damalige Nahost-Sonderbotschafter Donald Rumsfeld, der 1983 bei Saddam Hussein sich um verstärkte Zusammenarbeit bemühte und der später Verteidigungsminister (eigentlich muss man hier Kriegsminister schreiben) der USA wurde.
So ist dieses Buch mehr als eine Biographie: Es zeichnet detailgetreu auf drastische Weise die Terrormechanismen einer Diktatur nach und verweist gleichzeitig auf die kurzsichtige, von Eigennutz geprägte Politik des Westens im Umgang mit dem Irak. Spannend geschrieben und akribisch recherchiert, ist "Saddam Hussein" dennoch wegen der folgerichtigen Komplexität der Darstellung für uns durchaus beschämend und mitunter schwer verdaulich.