Man kann es an den anderen Rezensionen erkennen, wie sehr "Sacred Heart" die Fangemeinde aufspaltet. Für die einen ist das Album "enttäuschend" und "langweilig", für die anderen ein weiteres Meisterwerk. Als die Platte erschien, waren die Reaktionen ähnlich geartet, eigentlich eher noch negativer, denn nach "Holy Diver" und "The Last in Line" erwartete man sich von Dio einen weiteren Meilenstein der Hard&Heavy-Geschichte.
Rückblickend ist man ja bekanntlich immer schlauer, aber es lag wohl wirklich an der überspannten Erwartungshaltung, dass "Sacred Heart" so gemischt aufgenommen wurde. Man kann sich vorstellen, dass die Scheibe einmütig gefeiert worden wäre, wenn sie das Debütalbum gewesen wäre. Andererseits haben die Kritiker schon recht: Mit den beiden ersten Dio-Werken kann sie nicht mithalten -- wobei man bedenken sollte, dass jede Serie mal endet.
Was also hat "Sacred Heart" nicht, was die beiden Alben davor hatten? Meiner Meinung nach fehlt die Atmosphäre, diese magisch-düster-melancholische Hintergrundstimmung, die viele der Songs vorher zu etwas Besonderem gemacht haben. Wahrscheinlich hat sich die zwischenmenschlich etwas angespannte Situation in der Band bereits bei den Aufnahmen bemerkbar gemacht (lt. Aussage des damaligen Gitarristen Vivian Campbell) und gerade beim Saitenzauberer meint man hier und da ein wenig Interessenlosigkeit und schwächelnde Inspiration im Spiel zu hören. Das ist natürlich nur im direkten Vergleich zu "Holy Diver" und "The Last in Line" zu verstehen und überhaupt: Selbst ein durchschnittlich motivierter Campbell konnte seinerzeit spielerisch die meisten anderen Gitarristen dumm aussehen lassen -- egal, wie engagiert die bei der Sache waren.
Auch beim Songwriting des Meisters selbst haperte es ein wenig, denn Geschichten wie z.B. "Shoot Shoot" wären vorher allenfalls auf einer Single-B-Seite gelandet (bzw. heutzutage einer der entbehrlichen Bonus-Tracks auf der CD). Schließlich schien sich das bewährte Abfolgemuster "1. Flotte Rocknummer, 2. Titelsong (getragen) ....." allmählich abzunutzen, denn weder kann "King of Rock'n'Roll" mit "Stand Up and Shout" (Holy Diver) bzw. "We Rock" (TLIL) mithalten, noch kommt "Sacred Heart" so richtig an die jeweiligen Titelsongs der beiden vorherigen Alben an, obwohl es ganz bestimmt ein guter Song ist. Ebenfalls nicht ganz so gelungen ist "Hungry for Heaven", schön melodisch zwar, aber etwas zu brav im Refrain.
Es gibt aber auch Sachen, die zu loben und zu preisen sind: Mit "Rock'n'Roll Children" hat Dio definitiv einen amtlichen Hammersong abgeliefert, bei dem fast alles stimmt: 1-A-Refrain, super Strophe, abwechslungsreich arrangiert und vor allem grandios gesungen. Auch "Another Lie", "Like the Beat of a Heart" sowie "Fallen Angels" sind solide und gut dargebotene Dio-Qualität. Schließlich zeigt sich bei "Just another day", dass den guten Herrn Campbell zwischendurch doch noch überragende Spielfreude gepackt hat.
Sich noch ausschweifend über Dios Gesangsqualitäten auszulassen, ist reine Zeitverschwendung: Er war damals grandios und ist es auch heute noch -- live fast noch mehr als im Studio. Punkt.
Also: Soooo schlecht, wie manche Rezensionen es vermuten lassen könnten, ist "Sacred Heart" ganz sicher nicht (da kamen in späteren Jahren ganz andere Klopfer auf uns Fans zu!). Nur ist es halt eben nicht Dio's bestes Album. Was soll's, reinhören und eigene Meinung bilden.