Gero von Wilperts "Sachwörterbuch der Literatur" ist ein wahrer Klassiker auf dem Gebiet der literaturwissenschaftlichen Lexika. Wilpert, ein Germanist der alten Schule, fährt hierin genau dieses Wissen der alten Schule gut verständlich auf. Nun haben es Klassiker leider oft an sich, dass man ihnen zwar ehrfurchtsvoll gegenübersteht, kurzum, sie als Klassiker würdigt, sie jedoch in einer bestimmten Zeit entstanden sind und somit gewissermaßen als überholt gelten. Im Falle von Wilperts Lexikon - das sei gleich zu Beginn erwähnt - überwiegen zwar deutlich die positiven Eigenschaften, dennoch sind einige Abstriche leider zu machen.
In der Praxis heißt das Folgendes: Der Laie wird in diesem Lexikon bei der Hand genommen und souverän durch den begrifflichen Wust der Literaturwissenschaft geführt. Es überrascht die Vielfalt an Termini, die Wilpert aufbietet, denn man findet in diesem Lexikon eigentlich so gut wie jeden Terminus, sei er auch noch so angestaubt. Schon mal was von "bukolischer Diärese" gehört? Nein? Dann einfach im Wiplert nachschlagen.
Dieser Aspekt der Vielfalt an Termini muss deshalb betont werden, weil es de facto kein anderes Lexikon zur deutschen Literaturwissenschaft dieser Art, bzw. dieser Preiskategorie gibt. Die einzelnen Artikel sind zudem relativ verständlich geschrieben, vor allem enthalten sie stets die wichtigen Querverweise, ohne aber dass die Erklärung eines Begriffs in einer endlosen Blätterorgie ausartet.
Aufgrund dieses Werkes der alten Schule ist und bleibt der Wilpert in Sachen Termini, die mit dem gesamten Redeschmuck zusammenhängen, mit Metrik und dergleichen, ungeschlagen. Anders sieht es schon bei den Epochen aus: Für einen groben Überblick sind die Erklärungen ausreichend, für mehr auch nicht. Das nennen von nicht wenigen Autoren, die Strömungen oder Epochen jeweils zugeordnet sind, kann als gewichtiges Plus angesehen werden, abgesehen davon sind einige Artikel leider etwas zu kurz geraten.
Erst richtig gravierend werden Defizite für neuere Strömungen erkennbar; Gender Studies sei hier als Beispiel genannt; Postmoderne, Dekonstruktivismus und andere kommen viel zu kurz. Hier muss man leider ein deutliches Defizit konstatieren.
Fazit: Für Studenten der Literaturwissenschaft in der Anfangsphase sowie für literarisch Interessierte eignet sich dieses verlässliche Werk durchaus. Es wurde in einer Zeit begründet, als eine Vielzahl von Interpretationsparadigmen noch nicht ersonnen war und ein solcher Begriffskatalog noch vollkommen ausreichte. In einigen Disziplinen, sei es Metrik, seien es die Begriffe zum Redeschmuck, glänzt der Wilpert mit knappen, stets verständlichen Erklärungen. Das gibt Sicherheit und Klarheit und die braucht man, bevor man sich tiefer in eine Materie einarbeitet.
In Sachen Literaturtheorie ist der Wilpert leider kaum noch zu gebrauchen. Wer tiefer vordringen will, der wird den guten alten Wilpert also eher nicht mehr zur Hand nehmen, denn dann braucht es schon mehr. Für diesen Preis jedoch bietet der Wilpert eine unnachahmliche Übersicht.