Gleich eins vorweg: Ich bin der Hinweise überdrüssig, dass die Erzählungen teilweise sehr autobiographisch seien, sehr enthüllend, dieser Rudolf Ditzen, sehr betonenswert, immer wieder, von allen gleichermaßen; man lese sich nur die titelgebende Kurzgeschichte durch, - Sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein, - da erkenne man, ja, ... was eigentlich? Literatur, hauptsächlich. Zumindest ich habe, - erstmal, - nicht weniger als das darin erkannt.
Gute Literatur, stellenweise sogar erschreckende, manchmal lustige, oft traurige, aber immer: Gute! Wer braucht da den Hinweis auf Falladas Leben? (Wer braucht den Hinweis auf das Pseudonym?) Ja, es ist ganz schön zu wissen, schön, wie es auch bei Kafka schön sein kann, aber ich, - ganz persönlich, - finde die Art der Darstellung dieses Privatslebens aufdringlich & unnötig. Dass Literatur oft biographische Züge trägt, sollte doch wirklich nicht mehr überraschen; ich meine: heutzutage?
Die Erzählungen, die im Sachlichen Bericht zusammengefasst sind, sind abwechslungsreich, (ein Wort, das ich eigentlich ein bisschen zu platt finde, aber mir fällt in diesem Fall wirklich, - & wieder mal, - kein besseres ein), denn bei Sucht & Zwang angefangen (Sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein), bis über Schilderungen von Gefängniserlebnissen & -schikanen (Drei Jahre kein Mensch), zu einem Einblick in den Schulalltag (Unterprima Totleben) & imaginären Kindheitsfreunden (Der kleine Jü-Jü und der große Jü-Jü) ist alles dabei. Es geht um Denk- und Handlungsweisen, - auch ganz abseits aller Süchte, & auch nicht; denn selbst der Kindernarr (in der gleichnamigen Geschichte), beispielsweise, unterliegt einer Art der Sucht, - von Erwachsenen & Kindern; es geht um die Familie, seien es harmonierende, seien es zerbrechende, oder kaputte; es geht um Perspektiven der Gewalt, der Moral & irgendwie auch der Gerechtigkeit.
Manche der insgesamt acht Erzählungen sind distanziert & kalt, manchmal empfand ich das als widerlich (gerade im Sachlichen Bericht); aber kalt heißt nicht gefühlskalt, es ist nur ein kühler Blick, - ein zwinkernder, eigentlich, manches Mal auch ein böser, in jedem Fall: satirischer. Die Schilderungen im Gefängnistrakt beispielsweise, (wo der Trickbetrüger von seiner Alkoholsucht loskommen will), sind in diesem Zusammenhang sicher auch historisch zu lesen; auf die ein oder andre Art ist das Fallada wohl immer. Doch obwohl in vielem vielleicht der Geist des Nationalsozialismus hausen mag, - er haust nicht überall, er ist nur ein Teil des Kaleidoskops.
Tatsache ist, dass es neben den düsteren, zynischen, unmenschlichen, & eben ja: kalten Berichten auch sehr viel Warmes gibt. (So finde ich in den Geschichten vom kleinen Jü-Jü & großen Jü-Jü, & von der großen und von der kleinen Mücke, durchaus Stoff für Kinder).
Den Anhang würde ich gerne, & wie schon zu Anfang gesagt, einfach streichen. Die Erzählungen werden unter dem Aspekt der biographischen Fußnoten (es sind keine drin, nur keine Sorge) zusammengefasst, - gerade weil diese Erzählungen aber so abwechslungsreich (verdammt!), so verschieden voneinander sind, wurde mir dieser Anspruch von Erzählung zu Erzählung immer gleichgültiger. Es geht hier wirklich um gute, teilweise einzigartige, direkte Literatur.
Daher: Sehr gut, alles! Fünf Sterne!
In jedem Fall: Kaufen, in jedem Fall: Lesen!
(Hä? Verlesen? Nein, für den Inhalt gebe ich fünf Sterne. Den einen Stern ziehe ich nicht Falladas wegen ab, sondern des Anhangs wegen; das ist aber vielleicht eher ein persönliches Problem, wer weiß?)