Selten hat mich ein Buch so sehr berührt wie dieses.
Herbert Brunnegger ist es gelungen, den jungen Mann, der er vor dem Kriege und während desselben war, auferstehen zu lassen, indem er bewusst auf die Einflechtung von Ein- und Ansichten, die er erst nach dem Krieg gewonnen hat, verzichtete, und nicht in Kenntnis des Ausganges und der Folgen des 2. Weltkrieges Interpretationen vorgenommen hat. Dadurch erlangt sein Werk ein hohes Maß an Authentizität.
Die Entwicklung des 15-Jährigen aus schwierigen familiären Verhältnissen, der, wie er von sich selbst sagt, nicht verwöhnt gewesen ist, zu einem ernsten und nachdenklichen Mann, liest sich nicht nur fesselnd, sie bringt dem Leser auch den unvorstellbaren Verlust, zu dem der 2. Weltkrieg geführt hat, nahe: Einen Verlust an Menschen, Menschlichkeit, an Kultur und gewachsenen Strukturen, der nicht auszugleichen ist.
Herbert Brunnegger hat nicht nur seine Jugend verloren, die in Hunger und Not, in Blut und Schlamm, in Eis und Läusen untergegangen ist, sondern wurde nach dem Krieg auch noch dafür bestraft, indem man ihm die Anerkennung für sein Opfer für das Land, dem er sich zugehörig fühlte, versagte, und ihn statt dessen als Angehörigen einer bestimmten militärischen Einheit pauschal zum Kriegsverbrecher brandmarkte.
Anfänglich sicherlich naiv und begeisterungsfähig, wie Millionen anderer junger Menschen, sah er in dem nationalsozialistischen Regime eine Chance auf eine Verbesserung der allgemeinen Lebensverhältnisse. In der vorherrschenden geistigen Strömung der Zeit schwimmend, war er überzeugt, das Richtige zu tun, sah keine Alternative, handelte nach „Treu und Glauben".
Im Krieg fühlte er sich aufgehoben und geborgen in der Kameradschaft, die er in der Truppe erlebte, und die er so nie zuvor erfahren hatte, bis seine Kameraden nach und nach fielen und er in immer anderen, zumeist bunt zusammen gewürfelten Einheiten eingesetzt wurde.
Er durchlebte Tage, Wochen, Monate, Jahre gar im Kampf, allein ein ganzes Jahr davon in einer einzigen Stellung in Rußland. Er stellte sich den Herausforderungen und Aufgaben, die ihm zugedacht wurden, selbst, wenn sie ihm nicht bewältigbar erschienen und er seinen Tod für wahrscheinlich erachtete. Er hungerte, er fror, war krank, dreckig und stank, verlor aber niemals die Hoffnung, selbst dann nicht, wenn er wieder einmal von einem Vorgesetzten auf ein „Himmelfahrtskommando" entsandt wurde, das darauf abzielte, sich seiner zu entledigen, weil er Zeuge eines Kriegsverbrechens geworden war, das besagter Vorgesetzter begangen hatte.
Gegen Ende des Krieges fühlte Herbert Brunnegger nur noch die Verpflichtung, sein Land und dessen Menschen vor den Invasoren aus dem Osten, deren Handeln er bereits hatte miterleben müssen, zu schützen, obgleich wissend, dass er einen aussichtslosen Kampf angesichts der an Truppen und Ausrüstung weit überlegenen Gegner führte.
Als der Krieg verloren war, war er es auch. Nichts existierte mehr von dem, woran er geglaubt hatte, wofür er eingestanden war mit seinem Leben. Und - er wurde ausgestoßen; ausgegrenzt aus der Gemeinschaft. Ein Paria, mit dem niemand mehr etwas zu tun haben mochte, da er als Inkarnation des vormals Verehrten jetzt symbolhaft für dessen Untergang stand. Die Menschen, für die er gekämpft hatte, zogen sich vor ihm zurück. Seine historische Wahrheit sank ab in eine Geschichte ohne Anspruch auf Größe.
„Alle meine Wege sind leer", beschloss Herbert Brunnegger sein Buch. - Ich hoffe für ihn, dass er einen neuen Weg für sich gefunden und ein erfülltes Leben geführt hat. Gerne hätte ich ihn persönlich danach gefragt, aber der Verlag teilte mir mit, dass er nach der Veröffentlichung seines Werkes gestorben ist.