Die Erinnerung an den eigenen Besuch in Bombay vor einem Dutzend Jahren ist längst zersplittert. Ganz anders als diejenige an Neu-Delhi, Kalkutta und Madras, wo beeindruckende Mogulbauten und britisch-koloniale Fassaden, krasses Elend und erstaunlich rege Kultur, bunte Hindu-Tempel und lärmendes Marktgewimmel als jeweils hilfreiche Koordinaten für ein Mindestmass an Übersichtlichkeit im Gedächtnis haften blieben. Doch im Tosen Bombays zwischen glitzerndem Ozean und riesigen Slums, protzigen Villen und ätzendem Industriesmog, überfüllten Kinosälen, endlosen Verkehrsstaus und stinkendem Unrat zerflossen die sich unentwegt überlagernden und gegenseitig auslöschenden Eindrücke schon während des Aufenthalts zu einem atemberaubenden Kaleidoskop ebenso gegensätzlicher wie unentwirrbarer Eindrücke. Dass Bombay der westlichen Zivilisation näher scheint als andere Städte auf dem indischen Subkontinent beruhigte nur auf den ersten Blick, und nirgendwo anders war Indiens Menschenfülle so heftig zu erfahren. Das dürfte sich mittlerweile noch gesteigert haben.
Der Reiseführer von 1993 schrieb Bombay, der Hauptstadt des Staats Maharashstra und Indiens grösstem Ballungsraum, noch zehn Millionen Einwohner zu. Auf 16 Millionen Einwohner schätzt man heute die Stadt, die inzwischen nur noch mit ihrem gujaratischen und marathischen Namen Mumbai genannt werden soll. „Es ist Unsinn, zu behaupten, Mumbai sei der ursprüngliche Name der Stadt,“ wettert Suketu Mehta in seinem ausserordentlichen Buch, mit dessen Titel er schon auf dem althergebrachten Namen der Stadt beharrt. „Bombay wurde von den Portugiesen und den Briten aus einer Ansammlung von Malaria-Inseln geschaffen, und ihnen stehen auch die Rechte des Namensgebers zu.“ Doch Namensänderungen sind in Indien heute gang und gäbe, und Bombay ist, so Mehta, „von einer wahren Umbenennungsmanie erfasst. Der Strassenausschuss der Stadtverwaltung verbringt mehr als 90 Prozent seiner Sitzungstätigkeit mit Umbenennungsaktionen“, wobei für die Berücksichtigung gewünschter Namen reichlich Spenden fliessen. „Es ist eine absurde Art, das Angedenken der Vorfahren durch Bestechungsgelder zu ehren,“ kritisiert Mehta.
An derart skurrilen Beispielen aus dem Labyritnth der indischen Bürokratie und Politik, die so manchen Hintergrund der absurden Wirklichkeit Bombays beleuchten, mangelt es in diesem Buch nicht. Da erfährt man vom Mietgesetz von 1947, das die Mieten auf dem Stand von 1940 einfror und die Rechte der Mieter zu Lasten der Eigentümer übermässig stärkte, um die alteingesessenen Bürger vor den zahlungskräftigen Zuzüglern der Kriegsjahre, vor Inflation und Grundstücksspekulation zu schützen. „Doch nachdem das Gesetz in Kraft getreten war, erwies es sich als politisch unmöglich, es wieder aufzuheben, denn es wird immer mehr Mieter als Eigentümer geben,“ berichtet Mehta und erklärt damit den ruinösen Verfall so vieler Gebäude und Stadtviertel der indischen Metropole. Oder man liest von der Begegnung mit dem einflussreichen Politiker Bal Keshav Thackeray, der mit seiner hinduistisch-nationalistischen Shiv Sena-Partei und den Banden ihm ergebener Jugendlicher die multikulturelle Balance Bombays unterminierte und als Drahtzieher der antiislamischen Ausschreitungen der 90er Jahre gilt. Mehta zeigt den einstigen Karikaturisten und bekennenden Hitler-Verehrer als weltfremden Sonderling, der nur gebrochen Englisch spricht, so gut wie keine geographischen Kenntnisse hat, den Valentinstag abzuschaffen droht und die grosse Politik mit Kinderversen kommentiert, und recherchiert sorgfältig, wie engstirnige Ideologie, täglicher Überlebenskampf, terroristische Gewalt und blosse Kriminalität sich in diesem Dunstkreis durchdringen. Als Mehta in New York die Rauchwolke über dem World Trade Center sieht, weiss er, dass auch dieses Ereignis nicht losgelöst von den Konflikten, denen er in Bombay nachspürte, zu verstehen ist.
Im Mittelpunkt seiner von kundigen Informationen und authentischen Eindrücken geradezu überquellenden Erkundung einer der fünf grössten Städte der Welt – bald werden in Bombay mehr Menschen leben als in ganz Australien – stehen die intensive Begegnung mit Menschen aus allen Schichten. Hier zeigt sich auch der entscheidende Unterschied zu den noch so klugen Reisebüchern eines Scholl-Latour oder Kapuscinski. Denn Suketu Mehta, der 1963 in Kalkutta geboren wurde und seine Jugend in Bombay verbrachte, zog nach Jahren in New York, Paris und London mit seiner Familie nach Bombay, um hier wieder Wurzeln zu schlagen. Zwar zog es ihn später wieder zurück nach New York, doch er schreibt nicht als fremder Besucher über Bombay, sondern als Eingeborener über die Reise ins Innere eines urbanen Molochs, in dem er selbst zuhause war und der ihm zugleich in seinen bizarren Auswüchsen fremd geworden ist. In seiner brillanten Verbindung von Reportage, Essay und persönlichster Erinnerung überlässt er sich nicht nur selbst mit klarem Verstand und präzisem Blick dem Sog dieser Stadt, die ähnlich wie Manila, Lagos oder Mexiko-City als Menetekel der alptraumhaften Grossstadt der Zukunft erscheint, sondern versteht auch, seine Leser an dieser Erfahrung ungewöhnlich intensiv teilhaben zu lassen.
Laut UN sollen bis 2030 sogar 60 Prozent der Weltbevölkerung in solchen ausufernden Megalopolen leben. Entsprechend beängstigend und zugleich doch auch faszinierend ist das Eintauchen in diese Welt, das dieses Buch ermöglicht. Hingerissen ist man vom wilden Reigen der so ganz verschiedenen Menschen, die Mehta seinen Lesern nahe bringt. Man lernt Slumbewohner ebenso kennen wie Milliardäre, Prostituierte wie Filmmogule, Berufskiller wie Strassenjungen. Man hört mit, wenn die Bartänzerin Mona Lisa ihre heimlichen Sehnsüchte beichtet, und man ist dabei, wenn der unbestechliche Kommissar Ajay Lal aus Verdächtigen Geständnisse prügeln lässt. Mehtas Verwirrung über Gut und Böse in dieser höllischen Wirklichkeit überträgt sich unmittelbar.
Bezeichnend ist auch die Geschichte des jungen Eishaan, der sich in der manischen Hoffnung, ein Filmstar zu werden, in Bombay durchhungert, während seine Familie, die er verlassen hat, im arabischen Dubai einen einträglichenTextilhandel betreibt. Der vage Traum vom Starruhm ist ihm wichtiger als der konkrete Reichtum, den er verlassen hat. Doch als man für den 8. Mai 1999 den Weltuntergang prophezeit und sein Vater ins heimatliche Jaipur zurückkehrt, flieht Eishaan wie so viele andere aus Bombay, um mit der Familie die Apokalypse zu erwarten, und verpasst so seine grosse Filmrolle. „Ich dachte wirklich, er macht Witze“, kommentiert der Filmjournalist Ali Peter John, der Mehta durchs Labyrinth von Bollywood schleust. „Eishaan weiss nicht, was er tun soll; er sitzt fest zwischen Orthodoxie und Modernität. Das ist sein Problem.“
Auch in ihrer Lächerlichkeit treffen solche Geschichten die Identitätsprobleme in jener Wirklichkeit, die nicht mehr mit den einst gängigen, allzu vereinfachenden Vorstellungen der sogenannten Dritten Welt zu fassen ist. Tröstliche Aspekte vermittelt Mehta in seinem furiosen Buch aber auch. Nicht nur in beeindruckend grossen Gesten, wie der Entscheidung einer reichen Diamantenhändler-Familie, alles Hab und Gut hinter sich zu lassen, die Familienbande zu kappen und fortan als Bettelmönche zu leben, sondern auch in so manchen Beispielen stillen Heldentums und alltäglicher Solidarität. Da leuchtet dann doch noch etwas von jenem menschlichen, gewaltlosen und friedfertigen Indien auf, das der Leser schon gänzlich versunken wähnte.