Vor nicht allzulanger Zeit bin ich auf das Buch durch die Leseprobe aus dem Internet aufmerksam geworden und dachte direkt, daß dies wohl ein äußerst interessantes wie tolles Buch sei. Ich habe mich richtig drauf gefreut, weil die Leseprobe richtig gut war, doch meine Erwartungen konnte das Buch in der Hinsicht nicht ganz erfüllen.
Der geschichtliche Hintergrund von Ancaria wird zwar ab und an beleuchtet - vor allem was die Zeiten von Aarnum I. betrifft - doch mehr und mehr sind Motive und Sachen aus der realen Welt entnommen, was das Buch ein wenig ins Lächerliche zieht. Sei es, daß Zara erzählt, ihre Schwerter seien aus einem Land 'weit östlich des Meeres', was unweigerlich den Gedanken aufwirft, daß selbige aus Japan oder China sind, oder weil französische Redewendungen falsch(!!) übernommen wurden. Lächerlich wirkt es einfach in dem Sinne, daß der Kontext zwischen Ancaria und der unseren 'realen' Welt nicht abgegrenzt wird. Das PC-Spiel macht das zwar auch nicht, aber gerade durch die konsistente Welt und Story konnten diese Seitenhiebe der Atmosphäre keinen Abbruch tun. Doch diese Vermischung hier beim Buch - diese undeutliche Grenze von 'Normalität' und 'Fantasy' - führte letztenendes beim Lesen zu einem Hin und Her: Manchmal glaubt man, es sei ein Spiegel aus vergangenen Zeiten unserer Realität, manchmal ist es durch und durch ancarische Kultur, die erzählt wird. Weiterhin führen auch moderne Ausdrucksweisen in dem Buch zu dieser Erkenntnis. Was diese 'Zwietracht' am meisten fördert ist der deutlich katholisch-christliche Einfluß im Buch. So werden Themen aus der Bibel aufgegriffen, und selbst Orte und Namen daraus genannt, was deutlich zeigt, daß der Autor sich nicht die Mühe gemacht hat, die Religion der Welt Ancaria weiter zu erforschen.
Was die Übersetzung angeht, kann ich sagen: Sowohl sehr gut, als auch sehr schlecht.
Anscheinend hat das Buch nie einen Lektor gesehen, so daß sich im Buch Fehler über Fehler reihen - und das noch nicht mal wegen der Neuen Rechtschreibung. Ich weiß, daß die erste Auflage immer ein paar Fehlerchen hat, aber bisher habe ich noch nie so viele entdeckt wie in "Engelsblut". Mal werden Buchstaben ausgelassen, falsche Wörter als falsches Synonym benutzt oder die Rechtschreibung wurde ganz außer acht gelassen.
Nichtsdestotrotz sind die Szenen wirklich gut ausgearbeitet und detailliert wie fesselnd beschrieben. Vor allem die düstere Atmosphäre baut sich immer sehr gut und intensiv auf, so daß man richtig in das Buch eintaucht (bis auf wenige Ausnahmen, wie ich oben erklärte). Die Erzählweise ist recht flott, und da fast ausschließlich in der dritten Person erzählt wird, bleibt die Geschichte spannend und weicht kaum vom roten Faden ab.
Was mir persönlich am besten gefällt ist die Hintergrundgeschichte der Quasi-Protagonistin Zara. Ohne groß zu spoilern will ich nur anmerken, daß der Autor die Geschichte um die Vampirin wunderbar verpackt hat und nach und nach offenbart, so daß eben jener Mythos von Einzelgängern durchlebt werden kann. Da die Geschichte sich im fortschreitenden Verlauf immer mehr auf Zara konzentriert, werden die Nebencharakter, die im Buch auftauchen, durch die Allgegenwart und Dominanz von Zara fast erdrückt. Einzig Falk, ihr Begleiter von Anfang an, könnte noch einer zweiten Hauptrolle zugeordnet werden, doch da die Geschichte da spielt, wo Zara ist (den einzigen Szenenwechsel gibt es von dem Intro in die Einleitung) drängt sich Falk mehr oder minder in den Hintergrund, obwohl er eine nicht unwichtige Rolle im Buch spielt.
Fazit:
Ich gebe dem Buch drei von fünf Punkten:
Einen Punkt habe ich abgezogen für den unsteten Kontext und dem religiösen Einfluß, der mir arg zu schaffen gemacht hat, und einen Punkt für die (zu) vielen Fehler, die im ganzen Buch verstreut sind.
Doch will ich damit das Buch nicht schlechter machen als es ist - 'Engelsblut' ist durchaus lesenswert.
Wer sich an den Fehlern nicht stören lässt und die Geschichte von der Vampirin Zara kennenlernen will, soll dieses Buch zur Hand nehmen und es lesen. Doch wer erwartet, daß dieses Buch einem Klischee entspricht, der soll die Finger davon lassen.
"Engelsblut" hat mehr zu bieten als den typischen 08/15 Vampir:
Düster - unheimlich, aber auch romantisch - emotional.
Actiongeladen - hektisch, aber auch melancholisch - traurig, ja beinahe depressiv.
Harte Sprüche - cool, aber auch schmalzig - schön (ja an manchen Stellen fast wie ein Liebesroman ;) )
Doch was dieses Buch von anderen unterscheidet, ist die Tatsache, daß der Vampir mehr als Protagonist denn als Antagonist dargestellt wird - schließlich ist Zara in 'ihrem' ursprünglichen Sinne eine Heldin - und auch mal ein Mensch gewesen.
Doch gerade diese Mischung ist das Gelungene - das Geheimrezept - an dem Buch, was mich trotz der romantisch-emotionalen, melancholisch-traurigen (fast-depressiven), schmalzig-schönen Einlage bewegt hat, weiterzulesen!
Fast wie ein Abenteuer mit dem PC-Spiel Charakter, der Vampirin. ;)