Aus: Hamburger Abendblatt, 20.10.2008
"Dieses Buch schenke ich meinem Sohn"
Vural Öger, Hamburg
Man kann dieses Buch nicht einfach herunterlesen. Das hat seine Gründe. Es sind darin enthalten 26 Autoren, davon 17 Türken. Und da die meisten davon viel zu sagen haben, weil ihre Texte von Erfahrungen, zweiten Gedanken und höchst individuellen Einsichten geprägt sind, kann man nicht vom einen zum anderen springen. Man muss etwas verweilen und in den inneren Dialog geraten. Der etwas flapsige Titel trügt. "Süper Freunde" ist kein komisches Buch. Es ist aber auch nicht steif und bemüht, wenngleich es der Völkerverständigung zwischen Türken und Deutschen dienen will. Es kommen die zu Wort, die öfter gehört werden sollten, womit ich vor allem Türken meine, die viel von ihrer und vor allem von deutscher Kultur verstehen.
Anfangs war ich schon etwas skeptisch, als ich mir die beiden Herausgeber dieses Bandes vorstellte, die ich beide gut kenne: Kai Diekmann, den Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, und Ertugrul Özkök, Chefredakteur von "Hürriyet". Die beiden haben das Verhältnis der beiden Länder zum Leitfaden der 26 Texte gemacht, die ich jedem Leser anraten will (na ja, mit wenigen Ausnahmen wie der Rapperin Lady Bitch, die in ihrer Subkultur wirklich nichts zu sagen hat, oder Henryk M. Broder, der sein eigenes, eitles Abziehbild bleibt). Dass sich die beiden Chefs befreundet haben und mitunter beide Blätter gemeinsam zu Aktionen der Toleranz kommen, dafür bin auch ich ein geringer Anlass gewesen. Im Wahlkampf zum Europaparlament hatte ich eine kritische, doch auch witzige Bemerkung darüber gemacht, dass in Deutschland zu wenige Kinder geboren werden. "Bild" war darüber hergefallen, "Hürriyet" hatte scharf erwidert, und am Ende haben sich Diekmann und Özkök auf Freundschaft verständigt und jetzt sogar ein gemeinsames Buch gemacht. Ich merke aber beim Lesen, dass nicht nur zwischen diesen beiden Männern die Zeit der Empfindlichkeit vorbei und die Zeit für Verständigung gekommen ist.
Um Ihnen den Geschmack für dieses ungewöhnliche Buch zu vermitteln, greife ich in den Text Aydin Engins, der Theaterstücke schreibt und hier vorführt, was aus den Gastarbeitern wurde: "Die meisten von uns sind jetzt Rentner, und die Mehrheit von uns hat begriffen, dass es sinnvoller ist, eine eigene Wohnung zu haben, anstatt in einer Mietwohnung zu wohnen. Also verkauften wir zunächst unsere Sommerhäuser in der Türkei, ohne darauf zu achten, ob wir einen guten oder einen schlechten Preis bekamen, und erwarben dafür in Deutschland ein eigenes Heim. Wir verbringen unseren Urlaub weiterhin in der Heimat, aber nicht länger im Dorf, sondern im All-inclusive-Hotel in Alanya, Antalya, Marmaris oder Kusadasi. Wenn Sie sich dort umschauen, werden Sie uns erblicken. Sie können auch unsere Kinder und Enkelkinder dort sehen, aber nicht alle. Sie sagen: ,Nicht immer Heimat! Warum jedes Jahr in der Türkei Urlaub machen?!'"
Engin macht auch klar, dass die Gastarbeiter nicht länger an Fließbändern stehen, dass sie nicht länger Fabrikarbeiter und Straßenkehrer sind: "Insbesondere unter unseren Enkelkindern gibt es Geschäftsleute, Gewerbetreibende, Handwerker, Rechtsanwälte, Ärzte, Fernsehmoderatoren, Schriftsteller, Filmschaffende, Sänger, Tänzerinnen, Theaterleute, Fußballer." Das ist ja auch meine Botschaft: Die geforderte Integration hat sich zum größten Teil längst vollzogen.
Noch aber halten sich Vorurteile. Mir kommt plausibel vor, was der Unternehmer Arend Oetker dazu schreibt, Ängste seien es, die auch die deutsch-türkischen Beziehungen überschatten: "Diese Ängste speisen sich aus Vorurteilen, und die Vorurteile aus dem Fremden, Unvertrauten. Vielfach erweisen sich die Symbole des Fremden als übermächtig: Minarett, Halbmond, Kopftuch - sie alle stehen für Andersartigkeit und entfalten ihre Wirkung längst nicht nur, wenn das Minarett höher zu werden droht als der Kölner Dom. Tief sitzt das Vorurteil der Deutschen gegenüber den Türken, dass jeder Muslim intolerant und in seinem Herzen ein Fundamentalist sei."
"Süper Freunde" ist jedoch kein Buch, das den Pessimismus nährt. Fußballtrainer Christoph Daum stattet der Türkei eine Liebeserklärung ab: "Das verklärte Bild von einer orientalischen Türkei entspricht nicht mehr der Realität. Die Bau- und Touristikbranche boomt, und neben Skylines von Istanbul, Ankara, Izmir oder Antalya besticht die Türkei noch durch Naturschönheiten, in denen Besucher zahllose Spuren der Antike finden."
Süleyman Demirel, der kluge, alte Mann, der so viele politische Positionen innehatte, sagt, was ich unbedingt zitieren muss, um den treibenden Geist der neuen Türkei zu spiegeln: "Die EU ist für die Türkei keine reine Handels- und Wirtschaftsangelegenheit. Wichtiger ist, dass die Türkei ein Teil des demokratischen, in Frieden lebenden, einheitlichen Europas sein möchte. Wenn der Türkei gesagt wird, man wolle ihr eine halbe Mitgliedschaft, einen Sonderstatus geben, so wird die türkische Regierung das ihrem eigenen Volk nicht erklären können." Recht hat er, und Angela Merkel, auch unter den Autoren und durchaus freundlich gestimmt, nimmt ihren Begriff der "privilegierten Partnerschaft" nicht mehr auf. Vielleicht gibt es ihn ja auch nicht mehr.
Womit wir in der Politik angelangt wären. Auch der frisch gekürte Kanzlerkandidat der SPD, Frank-Walter Steinmeier, steuert seine Gedanken bei. Es frappiert aber die Vielzahl türkischer Autoren, die sich in deutscher Kultur so wunderbar auskennen wie etwa Pazarkaya, und die ihre Gründe haben, die Deutschen und Deutschland als Freund zu empfinden. Es ist so ein Buch entstanden, das man lesen muss und beherzigen sollte. Was fange ich damit am besten an?
Ich schenke es meinem Sohn.