Das Kernstück des Romans ist die Beziehung der Protagonisten zueinander. Diese sind alltägliche Bürger von nebenan, keine unerreichbar verherrlichten Überhelden, und so voller warmer menschlicher Schwächen, dass man sie einfach ins Herz schließen muss und das Gefühl bekommt, lange vermisste Freunde wiedergetroffen zu haben. Ich liebe die rührende Freundschaft zwischen Jeremy und Alan und die klassisch gegensätzliche Romanze zwischen Breandan und Amoret und warte gespannt auf jeden neuen Band. "Die Richter des Königs" ist eins meiner Lieblingsbücher, und die Fortsetzungen, so auch "Der Sündenhof", sind im Schnitt nicht schwächer. Ich kann sie jedem empfehlen, der sich einfach nur dem Lesegenuss hingibt, ohne zu viel Kritik zu üben. Versierte Krimileser werden von der flachen, durch Zufälle bestimmten Story vielleicht enttäuscht werden, nicht jedoch, wer mit einer leichten, fesselnden Detektivgeschichte zufrieden ist (Achtung für zart Besaitete, Grausamkeiten werden dennoch nicht ausgespart!). Die Kriminalgeschichte ist originell und kurzweilig, nicht so vorhersehbar wie in "Die Sündentochter" und mit einem weniger plumpen Ende als in "Die Richter des Königs", aber Jeremys Ermittlungen und die Suche nach den Entführungsopfern gestalten sich fast schon schmerzhaft unglaubwürdig. Woran Lessmanns Romane eben kranken, sind ihr zu unausgereifter Schreibstil und die zu naiv gestalteten Storylines. Ihr fehlt das Talent, den Faden flüssig durch die Hand laufen zu lassen, und es entsteht manche Lücke dadurch, dass die Geschichte sich nicht in die Breite ausfächern kann und dann auch recht aprupt zu Ende geht. Nun, wenigstens wird es nie langatmig und verschachtelt, was für einen gemütlichen Abend auch einiges für sich hat. Dass es nur einen Stern Abzug gibt, liegt daran, dass die Herzlichkeits des Romans seine Schwächen einfach aufwiegt und er obendrein noch mit höchst interessantem Wissen über den Alltag und die Medizin der Epoche aufwartet, das einem das Gefühl gibt, selbst durch die alten Gassen zu stromern und den Menschen dort bei ihrem Treiben zuzusehen. Trotz seiner unabstreitbar vorhandenen Mängel ist "Sündenhof" ein Buch, das man nicht aus der Hand legen kann, bevor man es viel zu früh zu Ende gelesen hat. Also, einfach abtauchen und einen faszinierenden Abendspaziergang durch das London des 17. Jahrhunderts unternehmen! Und sich darauf gefasst machen, dass einem jemand fehlt, wenn man die letzte Seite zuschlägt.