Die vorliegende Ausgabe ist die erste deutsche Übersetzung des 1881 in London erschienenen Privatdrucks "The Sins of the Cities of the Plain" (Städte der Ebene = Sodom und Gomorrha), den wahrscheinlich auch Oscar Wilde nicht nur mit Vergnügen gelesen hat, sondern ihm auch als Vorlage zu "Teleny" - sofern er tatsächlich der Autor von "Teleny" ist - gedient hat. Der Autor des Buches ist bis heute nicht namentlich bekannt.
Zugegeben, es ist keine Perle der europäischen Literatur, es ist letztlich nicht mehr als gehobene Pornografie in der Sprache des 19. Jahrhunderts, darüber hinaus allerdings ein Zeitdokument aus der Zeit Oscar Wildes, der Epoche der spätviktorianischen Prüderie und Bigotterie. Eigentlich nur aus diesem Grunde habe ich mich dazu entschlossen, dieses Buch hier zu besprechen.
"Die Sünde von Sodom", "Teleny" und am Ende der "Dorian Gray" zeichnen eine Entwicklung auf, die sich in den ersten beiden Büchern obszöner und pornographische Elemente nicht zu knapp bedient, während im Dorian Gray die Homoerotik allenfalls nur zu erahnen ist.
Zum Inhalt:
Jack Saul gehört zu den "Mary Anns" , den Strichern rund um den Leicester Square in London. Jederzeit bereit zu einem "Spaß mit einem großzügigen Gentleman", treibt er es durchaus auch mit Frauen, sei es eine Magd oder eine von den unechten Damen. Und da er nicht nur von eigenen Erlebnissen erzählt, sondern auch "Kollegen" zu Wort kommen lässt, entrollt sich ein weitgespannter Bilderbogen sexueller Initiation und subkulturellen Lebens, der von Erfahrungen in der Schule über erste Kontakte zum anderen Geschlecht bis hin zur eindeutigen männlichen Prostitution reicht.
An dem dargestellten erotischen Reigen sind auch historisch fassbare Personen beteiligt, etwa das durch Garderobe und Auftreten berühmte Paar Ernest Boulton und Frederick William Park ("Stella und Fanny"), die 1870 zwar angeklagt, aber, anders als Oscar Wilde ein Vierteljahrhundert später, nicht verurteilt wurden. Und ein Jack Saul war 1889 in einen Skandal verwickelt, bei dem es um den "Nebenerwerb" königlicher Telegrammboten in einem Bordell in der Cleveland Street ging.
Beurteilung:
Das Nachwort des Herausgebers Wolfram Setz zeigt auf, wie geschickt "Die Sünde von Sodom" erotische Fiktion, zeitgeschichtliche Fakten und Persönlichkeiten sowie literarische Verweise miteinander verschränkt und durchmischt: Erlebnisse realer Figuren werden phantasievoll ausgeschmückt und Anleihen bei erotischen Klassikern jener Zeit mehr oder weniger offensichtlich in den Text eingebaut. Diese Kombination von erotischer Lust und Lust am spielerisch komponierten Text macht "Die Sünde von Sodom" zu einem kulturhistorischen Zeugnis, aber auch nicht mehr.Deshalb kann ich mehr als zwei Sterne diesem Buch auch nicht zuerkennen.