Über den Autor
Patrick Kremers, 19, aus Köln, ehemaliger Chefredakteur des schwulen Jugendmagazins dbna, Jugendpresseaktivist, Preisträger des Allianzpreises für Jugendjournalisten und angehender Journalistikstudent. Matthias Nebel, 21, Student an der Universität der Künste in Berlin, seit 2002 bei dbna als Kolumnist und Fotograf, Preisträger beim Deutschen Jugendfotopreis.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
"Auch wenn er sich vorgenommen hatte, sich nie mehr in einen Jungen zu verlieben, merkte er bald, dass er mit diesem Vorsatz brechen musste: Lorenz lernte Marco kennen. Sportlich, schlank, schön. Ein toller Junge! Lorenz konnte seine Gefühle nicht im Zaum halten. Bald war er von Kopf bis Fuß verschossen. Versuchte, Marcos Aufmerksamkeit zu erregen und scheiterte kläglich. Er überhäufte ihn mit Anrufen. Versuchte es immer wieder. Aber es schien keinen Weg zu geben, irgendwie an Marco ranzukommen. Trotzdem wollte Lorenz nicht wahrhaben, dass Marco an ihm freundschaftlich, geschweige denn sexuell, gar nicht interessiert war. Er versuchte es weiter und fasste einen Entschluss: um Marcos Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, musste er selbst so werden wie Marco. So sportlich, so schlank, so schön. Lorenz musste so schnell wie möglich abnehmen. Schlank werden, in kurzer Zeit, die Liebe wartet schließlich nicht. Wie schafft man das? Man treibt entweder viel Sport oder isst nichts mehr. Nichts mehr essen schien Lorenz damals einfacher zu sein. Problem:"Ich habe schon immer gerne und viel gegessen", sagt Lorenz und lächelt. In einem Artikel in der Bravo fand Lorenz letztendlich die Antwort auf die quälende Frage, wie er schön werden, essen und Unsportlichkeit verbinden konnte: Bulimie."In der Bravo stand, dass es etwas Schlechtes sei. Aber ich fand das Prinzip so toll, dass ich es ausprobieren wollte", erinnert er sich. Also fing Lorenz nach und nach an, sich nach dem Essen den Finger in den Hals zu stecken. Natürlich so, dass seine Eltern das nicht mitbekamen. Er genoss dieses Ritual. Er konnte essen, so viel er wollte. Er würde trotzdem abnehmen. Ob das nun gesundheitlich okay war oder nicht, interessierte ihn erst einmal nicht. Für ihn zählte nur das Abnehmen. Um jeden Preis. Da setzt man doch gerne seine Gesundheit aufs Spiel. Und die ersten Erfolge sprachen für diese absurde Praxis."Schon nach kurzer Zeit nahm ich ein paar Kilo ab", erklärt Lorenz. Wenn Marco Lorenz in der Schule anschaute, war der ganze Tag gerettet. Tat er es nicht, fiel Lorenz in einen tiefen See von Traurigkeit, aus dem er nur schwer wieder rauskam. An diesen schlechten Tagen kam er nach Hause, setzte sich vor den Fernseher und begann zu essen. Er schaufelte alles in sich rein, plünderte regelrecht den Kühlschrank."Ich machte immer weiter, es waren Unmengen. Danach erbrach ich wieder alles. Es war toll: Man konnte so viel essen, alles, was einem schmeckte und wie viel man wollte und es wirkte sich nicht auf die Figur aus."Wie eine Flut erpackte ihn die Sucht, riss ihn mit sich und zog ihn weg von den Ufern der Realität. Wenn er seinen ganzen Mageninhalt ausgekotzt hatte, fing er wieder an zu essen. Schaufelte sich wieder voll, kotzte sich wieder frei und fing erneut an zu essen. Kotzen. Wieder essen. Kotzen. Und natürlich durfte man mit dem Kotzen nicht lange warten, damit ja nichts verdaut wurde."Im Laufe der Zeit entwickelte ich Systeme", erinnert sich Lorenz."In welcher Reihenfolge muss
was gegessen werden, damit es nachher beim Erbrechen leichter ging. Brot war zum Beispiel schwer wieder rauszubekommen. Eis und Süßigkeiten gingen ganz einfach."Manchmal ist er sogar extra früh aufgestanden und hat sich noch vor der Schule das Abendessen aufgewärmt und reingehauen, um es dann in der Schule wieder zu erbrechen. Schnell bemerkten auch andere, dass Lorenz abnahm."Das trieb mich natürlich noch mehr an", erinnert er sich. Er kaufte sich die Men's Health und fing gleichzeitig mit Muskeltraining an. Es dauerte nicht lange, bis Lorenz die ersten Komplimente bekam."