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Unspektakulär ist der schmale Band Südlich von Abisko, die zweite Buchveröffentlichung Klaus Böldls nach der Studie in Kristallbildung von 1997. Die Bilder, Stimmungen und Beobachtungen des Harald Behringer sind es, die bewirken, dass man langsam und aufmerksam liest, und ab und zu ein kleines Leuchten in den Augen hat, wenn man eine Stimmung, einen Gedanken wieder erkennt.
Sicher sind nicht alle Bilder gleich frisch, gleich bestechend, und manches wird dem Leser vielleicht sogar ein kleines bisschen betulich vorkommen. Aber nichtsdestotrotz ist dies eines der wenigen Bücher, bei denen man mit dem Kuli, nein, besser mit dem Füllfederhalter, in der Hand liest, um ein paar schöne Zitate zu notieren. Das könnte eines der Bücher werden, die man mehrfach, an alle guten Freunde und Freundinnen, verschenkt. --Kathrin Rüstig -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Klaus Böldls kühle Erzählung
Hoch im Norden Lapplands, und nur für Harald Behringer, hält der Nachtzug aus Stockholm. Abisko heisst der verwunschene Ort, der das Leben des vierzigjährigen Übersetzers von innen nach aussen und zurück stülpen wird. Eigens und nur für ihn scheint das Schild über dem Eingang zur Bahnhofshalle zu hängen, dem er den Namen und die Lage der Ortschaft entnimmt: Dreihundertachtundachtzig Meter über dem Meeresspiegel liegt sie, mehr als eineinhalbtausend Kilometer von Stockholm entfernt. Die Daten vermögen Behringers tiefe Verunsicherung nicht zu dämpfen; seine Zweifel, ob Abisko «mit Hilfe eines Stationsschildes unter die Tatsachen einzureihen» sei, werden in den sechs Tagen seines Aufenthalts im einzigen Doppelzimmer des von Birken umstandenen kleinen Hotels nicht geringer. Und auch nach der Rückkehr, beim ziellosen Abwarten im Lesesaal und auf dem Kinderspielplatz unter seiner Wohnung, bleibt Abisko in der steten Gefahr zu verdämmern wie ein Traum oder eine Erinnerung «oder wie man selbst, wenn man nur lange genug gedankenlos vor sich hin gelebt hat».
Traurige Panik
Alles hat sich verändert für Behringer. Alles ist so geworden, wie es, ohne dass er es bemerkt hätte, vor Abisko schon war: fundamental unähnlich. Die Frage, warum sein Leben «anders vor sich geht und auch schon vor Abisko anders vor sich ging», bleibt ihm ein Rätsel, diesem spürt er nach in seinem Stockholmer Journal.
Die Verstörung begann, wie so manches, in früher Kindheit, als Verlust an Prägnanz stellt sie sich dem Erwachsenen dar. «Es war diese nie zu erreichende, trostlose Genauigkeit, die ich als Kind immer an meine Zeichnungen zu wenden versucht habe und die sich dann doch in diesen Zeichnungen nie hat verwirklichen lassen. Immer stand ich am Ende mit leeren Händen da, ohne Ähnlichkeit.» Das Gefühl, in einer grundsätzlich verstellten, nicht darstellbaren Welt zu leben, ist Behringer geblieben. Ein (übergewichtiger) Fremder ist aus ihm geworden, als Unerreichbarer, immer schon Unangekommener lebt er dahin, im Vagen, im Halbschlaf, in Tagträumen vom realen Geschehen detachiert, die Randfigur in Person, befangen «in trauriger Panik». Nichts vermag ihn zu berühren, schon gar nicht der «hundertste Schreckversuch» seiner Geliebten, Malin mit Namen, wenn sie sich auf dem Spielplatz von hinten heranschleicht und ihm die Augen zuhält. Nur das vom Wecker auf die Sekunde genau geregelte Leben der Wohnungsnachbarin vermag in ihm so etwas wie Interesse und Neid zu entfachen.
Als Störgeräusch, als lästiger, nie zu rechtfertigender, mutmasslich absolut sinnloser Lärm erscheint Behringer die Welt. «Zudrehen, abstellen, ausschalten» müsste man sie, es würde nichts fruchten, auch die selbstgeschaffene Stille wäre noch Welt, jene eine und einzige Welt, die alles und sich selbst von der gleichsam kosmischen Stille Abiskos scheidet.
Hellwach und still, «abiskostill» wird Behringer nicht nur im Hinhorchen auf den allnächtlich zur selben Stunde losrasselnden Wecker von Frau Amgart, er ist es auch in der immer wieder gesuchten Gegenwart des «Eisenzeitmenschen», dessen Fundort und Grab am Rand des Spielplatzes liegt, markiert mit einem Plasticschild der Denkmalverwaltung. Den die Grabstätte überwuchernden Flechten sinnt Behringer nach, ihr jahrhundertealtes unberührtes Existieren erscheint ihm als Idealform eines befriedeten, vom Getöse der Dinge separierten, verschonten Lebens. Pflanze sein, sich auf eine Flechte reduzieren! Man hätte endlich und für lange, lange Zeit seine Ruhe.
Dass er sie im realen Dasein nicht findet, dafür sorgt nicht zuletzt, aber dann doch ziemlich überraschend der Besuch aus Lappland. Emma, die halberwachsene Tochter der Hotelbesitzerin, ist es, die ihn nachts um halb drei aus dem Schlaf klingelt. Wie ein Blitz schlägt die Wirklichkeit von Abisko in Behringers traumwandlerische Existenz ein, setzt in einer schleifenartigen Drehung die Stockholmer Alltagsrealität ausser Kraft. In der Vertauschung zweier Sphären muss Malin weichen, für die kurze Zeit von Emmas Anwesenheit hält sie sich verborgen, in der Rolle eines Mordopfers. Zwei Tage bleibt Emma, dann schickt Behringer das Mädchen mit Blick auf «die Vollständigkeit, die dort mit dem morgigen Tag wieder herrschen würde» nach Abisko zurück. Nur wenn der Wunschort komplett ist, kann er in Stockholm ganz da sein, in einem von ferne gedeckten, von Frau Amgartens Wecker und Malins lieb gemeinten Überraschungsangriffen geregelten ungewissen Diesseits.
Schielender Blick
Klaus Böldl fand mit seinem vor drei Jahren vorgelegten Prosadébut «Studie in Kristallbildung» grosse Beachtung, «Südlich von Abisko» bestätigt sein erzählerisches Können. Die durchkalkulierte Landschaftsmetaphorik des Erstlings hat einer lockeren, nun eher assoziativen Erzählweise Platz gemacht. Der melancholische, sich betont nüchtern gebende Witz und der zugleich flüchtige und präzise wie schielende Blick auf das signifikante Detail sind auch im neuen Buch zu finden; gewachsen ist die Diskretion, mit der Böldl seine Motive inszeniert.
Es mag die Verhaltenheit von Klaus Böldls Prosa sein, die den Leser selber für die Stunden seiner Lektüre in Abisko hinein-, in eine umfassende Nördlichkeit hinüberzieht, ohne Heimweh: «Man hat es an solchen Tagen fast so gut wie eine Nebenfigur in einem Roman, die über Hunderte von Seiten frei hat. Man steht nur noch in einem vagen Zusammenhang mit sich selbst, seinen Erinnerungen. Existierte man nicht, es machte keinen grossen Unterschied.»
Bruno Steiger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Das hört sich zwar alles nicht sehr interessant an, ist es aber. Die Sprache ist wunderschön. Selbst Landschaftsbeschreibungen sind interessant und auch sonst gibt es nicht eine Länge in diesem Buch, was vielleicht auch an seiner Kürze liegt: Als ich das es nach einem Tag lesen, beendet hatte, kam es mir eher so vor als hätte ich eine Kurzgeschichte gelesen.
Abschließend kann ich sagen, das ich jede Seite lesen genossen habe und mir das Ende besonders gut gefallen hat.
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