Eigentlich ist es ja unüblich, ein Buch zu rezensieren, das man nur halb gelesen hat. In diesem Fall mag man es mir hoffentlich verzeihen - aus Gründen, die ich hier kurz schildern will.
Über die südgermanische Religion ist sehr wenig bekannt, wie Amstadt, der Verfasser dieses Buches, richtigerweise bemerkt. Er hat sich vorgenommen, dies zu ändern, und zwar indem er Ortsnamen im südgermanischen Gebiet als Quellen benutzt. Nun ist gegen Ortsnamenforschung prinzipiell nichts einzuwenden, im Gegenteil, sie kann in vielen Fällen sehr aufschlußreich sein. Nicht so allerdings bei Amstadt. Jeder Ortsname, der auch nur im Entferntesten eine Tierbezeichnung enthalten könnte, läßt bei ihm sofort auf einen vorchristlichen Opferplatz schließen. Amstadt schafft es sogar, jedes Tier einer bestimmten Gottheit zuzuordnen und somit genau die Ausrichtung der angeblichen Kultstelle zu bestimmen. Schade nur, daß es sich hierbei in den allermeisten Fällen um reine Spekulation handelt. Amstadt überinterpretiert das vorhandene Material schamlos und stützt sich dabei auf teils völlig veraltete Forschungsliteratur.
Bekanntlich weiß man deutlich mehr über die nordgermanische als über die südgermanische Religion; im Norden gibt es zahlreiche schriftliche Quellen hierzu, wie z.B. die Snorra-Edda, Saxos Gesta Danorum und Teile der altisländischen Sagaliteratur. Aber abgesehen davon, daß man in Anbetracht der zeitlichen und räumlichen Distanz des Quellmaterials nicht automatisch die nordgermanische mit der südgermanischen Religion gleichsetzen darf, sollte man nicht völlig unkritisch Behauptungen anderer übernehmen. In Amstadts Fall betrifft dies u.a. die Drei-Funktionen-Theorie Dumézils, die er zwar anwendet, ohne jedoch darauf hinzuweisen, woher sie eigentlich stammt.
Mit den nordischen Quellen und dem Altnordischen überhaupt scheint Amstadt nicht im Geringsten vertraut zu sein. Darauf weisen nicht nur falsche Akzentsetzung ("Vigaglumssága" statt Víga-Glúms saga, s.42), sondern auch richtig plumpe Fehler hin. So wird Adam von Bremen, Verfasser der Gesta Hammaburgensis Ecclesiae Pontificum, bei ihm zum Erzbischof (s.40) und die Isländer nehmen das Christentum statt - wie allgemein bekannt - im Jahr 1000, zwei Jahre später an (s.69). Die nordischen Quellen zitiert Amstadt grundsätzlich aus (ins Deutsche übersetzter) Sekundärliteratur, niemals aus einer wissenschaftlichen Edition.
Da dieses Buch also im Großen und Ganzen völlig wertloses Geschwafel enthält, sehe ich keinen Sinn darin, es bis zum Ende durchzulesen und kann anderen ebenfalls nur davon abraten.