konrad liessmanns buch stellt gekonnt und praezis die wichtigsten eckpfeiler des kierkegaardschen denkens vor.
kierkegaard hatte in der tat (nein, tatenlosigkeit) den mut, sich zurückwerfen zu lassen auf ein höchst subjektives, von nicht sonderlich viel außenbeifall begleitetes und zuweilen verzweifelt einsames urteilen. bei vielen seiner entscheidungen, die auch liessmann gut beschreibt, möchte man dem armen daenen auch nicht recht folgen: im ewigen ENTWEDER-ODER hängengeblieben, entschloss er sich nicht, eine bindung zu seiner lebenslang verehrten regine olsen einzugehen. mit sätzen wie "nimm ein brechmittel, mach dass du aus der halbheit herauskommst" machte er sich auf ähnliche weise mut, zu seinen paradoxen entscheidungen zu stehen, wie einer, der im dunklen tunnel (bei verschiebung der angst) zu singen oder zu pfeifen anhebt.
die angst kierkegaards, wenn man sie nicht bagatellisieren will als ein psychiatrisches, medikamentös zu behandelndes problemchen, sondern wenn man einräumen will, dass jedes wirklich tiefgreifende reflektieren bei grundsätzlicher furcht vor fast allem ankommen muss, - die angst kierkegaards ist auch eine vor der nivellierenden kraft der aufkommenden massengesellschaft, von philosophen wie hegel aufs gleis des staats-gehorsams gebracht. weder kirchenbürokratien noch staatsphilosophien schienen nunmehr genügend spielraum für eine gründliche individuelle selbst- und sinn-erforschung zu lassen.
sein horror vor der zwingenden, immer mehr vom journalismus multiplizierten gleichmacherei allen urteilens, - dieser schrecken zeigte sich in formulierungen wie: "die menge ist die unwahrheit..." "an die kategorie `der einzelne` ist meine etwaige bedeutung geknüpft. ich erkannte es als meine aufgabe, darauf aufmerksam zu machen."
kierkegaard starb mit 42 jahren, als das vom vater ererbte geld aufgebraucht war. kierkegaards tapfere, anfaengliche ironie war im zunehmenden lauf seines lebens von einer leider noch viel beharrlicheren angst vor allem und jedem besiegt worden. "in einem jeden zustand ist die möglichkeit gegenwärtig und insofern die angst..." - das buch liessmanns fuehrt sensibel ein in die gedankenwelt eines der wichtigsten wegbereiter des neuzeitlichen individualismus ...