Die Reihe "Die Söhne der Großen Bärin" hat meine frühen Lesejahre geprägt wie kaum ein zweites Werk der Jugendliteratur. Damals noch in der Leihbücherei entdeckt, wurden sie zu einer Quelle der Fantasie, die ihre Faszination bis heute bewahrt hat.
Die Geschichte beginnt gewissermaßen mit dem Ende der - abgesehen vom Tod seiner Mutter unbeschwerten - Kindheit des Häuptlingssohns Harka, herbeigeführt durch den Einbruch der ersten Weißen auf der Suche nach Gold in das Territorium der Sioux bzw. Dakota. Der Schauplatz in den Black Hills ist historisch ebenso bedeutsam für die Geschichte der Sioux wie er für "Die Söhne der Großen Bären" immer als Zentrum des Geschehens erhalten bleibt, selbst dann, wenn sich die Handlung weit davon entfernt, etwa ins Gebiet der Blackfeet-Indianer, in einen Zirkus nach St. Louis oder zur "Frontier" des Eisenbahnbaus. Die Black Hills stellen in gewisser Hinsicht auch ein mystisches Element dar, sind sie doch die Heimstätte der namensgebenden "Großen Bärin", des Totemtiers von Harkas Familie und Stamm.
In den folgenden Bänden verfolgt man die Geschichte Harkas über viele Stationen, von der Ausstoßung seines Vaters aus dem Stamm, der gemeinsamen Flucht, den meist unheilvollen Kontakten mit Weißen, bis hin zur Rückkehr Harkas - als Krieger nun Tokei-Ihto genannt - zu den Sioux. Der letzte Band schließt die Reihe ab mit der Flucht des Stammes nach Kanada.
Faszinierend an der Buchreihe ist, wie die ungeheuer spannende, fiktionale Geschichte einhergeht mit einer beeindruckenden historischen Authentizität. Die Einbindung von Figuren einzelner Indianerstämme, neben den Sioux und Blackfeet auch der Pawnee, der Cherokee u.v.m. bildet die Geschichte der jeweiligen Stämme hervorragend ab. Auch Elemente des "weißen Lebens", wie die zirkusähnlichen Wildwestshows eines Buffalo Bill, deren historisch belegte Programme sich bis ins Detail mit den Schilderungen der Jugendbücher decken, das vergebliche Bemühen einzelner Weißer um einen schonenden Umgang mit den Indianern und ihren Gebräuchen, oder die Verhandlungspraxis bei der Vertreibung in die Reservationen, sind so nah an der historischen Wirklichkeit wie kein anderes mir bekanntes Werk des Genres. Ohne eine Überhöhung der Hauptfigur zu einer heldenhaften Identifikationsfigur kommt auch Lieselotte Welskopf-Henrich nicht aus, auch nicht ohne einen klassischen "Bösewicht", den bei aller Schlechtigkeit doch auch faszinierenden Banditen Red Jim, aber dies muss man einem Abenteuerbuch für ein jugendliches Publikum zugestehen. Dass insbesondere die Figur von Harkas Vater Mattotaupa sehr eindrucksvoll den schleichenden Niedergang eines seiner Freiheit beraubten Naturvolks zeigt, wiegt diesen Makel - sofern es denn einer ist - mehr als auf!
Kurzum: Für Freunde von Indianerromanen - nicht nur für Kinder und Jugendliche - ist die Reihe ein absolutes Muss!