Simón Bolívar ist in Lateinamerika, besonders aber im heutigen Venezuela, ein Idol, ein Held. Er gilt als der Befreier Südamerikas, der die spanischen Kolonien von Panama bis nach Peru aus der spanischen Herrschaft hinausgerissen hat. Um diesen Mann ranken sich viele Legenden.
Auf knapp 120 Seiten Text versucht Michael Zeuske den Mythos Bolivar zu erklären. Mit seiner fachlichen Kompetenz ist er dafür geeignet wie kaum jemand anderes. Dem Leser wird aber eine Menge abverlangt. Denn Zeuske kann aufgrund des Umfangs des Buches vieles nur andeuten. Wer sich mit dem Thema auskennt, kann der Darstellung folgen. Wer aber zum ersten Mal von Bolívar liest, dem sind ein paar zusätzliche Bücher zum Verständnis empfohlen. Zeuskes zweigeteilte Darstellung zielt auf eine logische Erklärung des Mythos hinaus. Im ersten Teil erläutert der Professor für iberische und lateinamerikanische Geschichte an der Universität Köln die historischen Grundlagen: spanische Konquista, Befreiungskampf, die Frage der Entwicklung von Nationen in Lateinamerika, die politische Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Es ist viel passiert und eine Menge von Aspekten muss bei der Bewertung des Bolívar-Mythos berücksichtigt werden.
Auf Seite 67 beginnt das Buch mit der Darstellung des Menschen Bolívar: Bolívar ist nicht gleich Bolívar: es gibt den "offiziellen" und es gibt einen "Volks-Bolívar". 1804 noch war er ein "Jungmillionär und Schürzenjäger" (S. 15), fünfzehn Jahre später führte er die Befreiung Amerikas von der spanischen Kolonialherrschaft an. Dabei gehörte Simón Bolívars Vater noch der Kolonialelite an, als offiziell bestätigter Sklavenhändler gehörte er zu den Unterdrückern der Schichten, die seinem Sohn begeistert in den Befreiungskampf folgten.
Aufgrund einiger Erbschaften besaß der junge Bolívar auch viele Sklaven, trotzdem war es gerade er, der mit diversen Dekreten selbst für die Abschaffung der Sklaverei kämpfte - es war für das Überleben der Unabhängigkeitsbewegung wichtig. So ließ er zwar auch seine eigenen Sklaven frei, aber diejenigen, die noch im Besitz der Familie waren - und das waren weitaus mehr - waren von den Freilassungen nicht betroffen. Trotzdem gibt es den Bolívar-Mythos des Befreiers der Sklaven.
Obwohl sich Bolívar mit dem Versuch, ein Großkolumbien zu schaffen viele Feinde machte, in Venezuela dann sogar als Staatsfeind Nr. 1 behandelt wurde, hat seine Rolle als Libertador, als Befreier, immer die größere Rolle gespielt. Nach seinem Tod setzte ein Kult ein, wie er heute von größenwahnsinnigen Potentaten aus Nordkorea bekannt ist. Nicht nur seine Urne oder die Gebeine, die an verschiedenen Orten aufbewahrt werden, waren und sind Wallfahrtsorte. Es gibt Plätze, die nach ihm benannt sind, Monumente, sogar die Landeswährung wurde nach Bolívar benannt. Nach ausführlichen Erläuterungen zur Herausbildung des Mythos diskutiert Zeuske wie die avantgardistische Linke Bolívar für sich vereinnahmen wollte und wie die marxistische Geschichtsschreibung mit Bolívar umging.
Interessant ist der Exkurs, in dem Zeuske Behauptungen über ein Treffen zwischen Humboldt und Bolívar widerlegt. Sehr ausführlich legt Zeuske hier dar, dass die historische Quelle, auf die sich bisher alle Historiker bezogen, wenn sie über die engen Beziehungen zwischen Humboldt und Bolívar recherchierten, schlicht falsch ist. Es wurden Dokumente erstellt, die glauben machen sollten, dass bestimmte Leute der venezolanischen Gesellschaft schon immer Helden der Revolution gewesen sind. So wurden Beziehungen vorgetäuscht, die es nie gegeben hat, nur um die gesellschaftliche Stellung einiger Oligarchen ins rechte Licht zu rücken. Mit der Zeit wurden diese falschen Dokumente so oft zitiert, dass ihr Ursprung selbst erfahrenen Spezialisten nicht mehr auffallen konnte. Zeuske jedoch beweist, dass auch solche raffiniert gesponnenen Netze irgendwann reißen. Seine Darstellung ist ein wunderschönes Beispiel für die Realität der Geschichte. Vielleicht macht Umberto Eco aus dem Plot einen Roman....
Das abschließende Kapitel behandelt Hugo Chávez, den derzeitigen venezolanischen Präsidenten und seine Haltung zu Bolívar. In Venezuela gibt es einen neuen, von der Regierung geförderten, Bolívar-Mythos. Und Chávez sieht sich in der Tradition des revolutionären Bolívar und versucht, dessen Geschichte umschreiben zu lassen - hier sollen Wissenschaftler wieder dazu dienen, die Rolle einzelner Politiker ins rechte Licht zu rücken.
Wer sich nicht scheut, beim Lesen ein wenig mitzudenken, dem sei dieses höchst interessante Buch dringend empfohlen.