In ihrem neuen Roman beleuchtet Tanja Kinkel die frühen Jahre der Ägypten-Forschung.
Lange bevor Champollion die Hieroglyphen entzifferte oder Howard Carter das Grab Tutanchamuns im Tal der Könige entdeckt hat, war es Giovanni Belzoni, der den Tempel von Abu Simbel freilegte, den Eingang der zweiten Pyramide von Gizeh und mehrere Gräber im Tal der Könige entdeckte und die verschollene Stadt Berenike fand. Aber es ist nicht nur seine Geschichte oder die seines Konkurrenten Drovetti, die hier erzählt wird - vor allem ist die Geschichte von Sarah Belzoni, Giovanni Belzonis Frau, der hier in diesem Buch der größte Teil der Aufmerksamkeit zuteil wird. Wer nun aber glaubt, hier würde die Geschichte eines englischen Dämchens erzählt, das mit Sonnenschirm und Teegeschirr Ägypten bereist, der irrt. Sarah Belzoni ist eine Frau, die selbst Geschichte geschrieben hat, in dem es ihr als Mann verkleidet gelang, als erste Frau den Felsendom in Jerusalem zu besuchen zu einem Zeitpunkt, als dieser für Christen und Frauen verboten war. Tanja Kinkel erzählt etwas mehr als drei Jahre aus dem Leben dieses ungewöhnlichen Paares, ihren Entdeckungen, den Veränderungen und den Einsichten, die die Zeit in Ägypten bei ihnen und die sie selber für Ägypten bewirkt haben.
Die drei Protagonisten sind liebevoll und mit einer unglaublichen Tiefe gezeichnet. Alle drei haben ihre Licht- und Schattenseiten, Zweifel, Ängste, Vorurteile, Wut, aber auch den Mut, Dinge anzupacken (Sarahs Leitspruch lautet: 'Was immer Du tun willst, fang damit an'). Der Leser fiebert mit ihnen mit, verfolgt ihre Entwicklung, lässt sich von ihnen einnehmen. Nicht erst am Ende wird klar, was Sarah Belzoni zu Anfang des Buches gesagt wurde: "Dieses Land verändert jeden. Wenn Sie Ägypten verlassen, wird Mr. Belzoni nicht derselbe Mann sein, mit dem sie hierher gekommen sind, und sie nicht die dieselbe Frau." Es hätte nicht treffender ausgedrückt werden können. Selten habe ich in einem Buch so glaubhafte und facettenreiche Protagonisten getroffen. So wie sich bei Sarah die Wandlung von der typisch britischen Dame zu einer Frau vollzieht, die sich den Gegebenheiten des Landes anpasst, so vollzieht sich bei Giovanni Belzoni die Wandlung vom Idealisten, der etwas bewirken möchte, zu einem Mann, der unbedingt in die Geschichte eingehen will und dabei fast sich selbst verliert.
Es ist eine bildhafte, reiche und lebendige Sprache, in der Tanja Kinkel die Zeit in Ägpyten schildert, sodass man als Leser immer das Gefühl hat, Teil der Expeditionen zu sein. Nie ist man bloßer Beobachter sondern ist förmlich dabei, wenn Tempeleingänge freigelegt, Grabkammern betreten oder Wandmalereien bestaunt werden. Die Schilderungen sind so plastisch, dass man sich ihnen einfach nicht entziehen kann. Man fühlt die Hitze des Sandes, die trockene Luft, die Freude über Entdeckungen, den Frust über Fehlschläge. Der Leser saugt diese Eindrücke in sich auf, sodass sie wie ein Film vor dem inneren Auge ablaufen.
Gleiches gilt auch für die Schilderungen des Alltagslebens in Ägpyten, Sarahs Begegnungen mit den Frauen des Landes oder ihr Besuch in den türkischen Bädern, haben mir besonders gut gefallen. Dies sind Einblicke in die weibliche Welt Ägyptens, die einem ansonsten eher verwehrt bleiben.
Es hat mich fasziniert, dieses Buch, es hat mich mitgenommen ins Ägypten des frühen 19. Jahrhunderts, es hat mich begeistert für dieses Epoche und wenn ich nicht schon vorher ein Fan dieses Landes gewesen wäre, so wäre ich es spätestens jetzt nach dieser Lektüre. Es hat mich erschöpft wie nach einer langen Reise und gleichzeitig bereichert in mein Jahrhundert zurückkehren lassen.