Über diese Ausgabe der "Sämtlichen Werke" hat der/die Erstrezensent/in das Wichtigste bereit gesagt. Wenn ich dem noch etwas anfüge, dann ist es vor allem über das Werk.
Dass die "Weimarer Klassik" den Dichter ablehnte, mindert in keiner Weise seinen Rang in der Weltliteratur, vielmehr ließe sich fragen, wie man während der Zeit der Klassik gelesen hat. Die nachfolgende Zeit - die "Romantik" - rehabilitierte Matthias Claudius wieder. Wie bei allen großen Dichtern kann man bei Claudius Stellen finden, die heute mindestens so bedenkenswert sind, wie zu seiner Zeit: einige seiner Rezensionen ließen sich großartig auf Schriften mancher sich selbst apostrophierender Denker von heute anwenden. Auch die Komik in einigen seiner Gedichte ist nicht minder literarisch (z.B. "Klage um Ali Bey"). Zwischen Abhandlungen und Briefen finden sich Gedichte, die zu den Juwelen der Dichtung überhaupt gehören und manchen Komponisten fanden, der sich ihrer annahm (z.B. "Der Mond ist aufgegangen", "Der Tod und das Mädchen", vertont von Franz Schubert), sein "Kriegslied", das man heute noch genauso Kriegstreibern ins Stammbuch schreiben sollte ("'s ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre, / Und rede du darein! / 's ist leider Krieg - und ich begehre / Nicht schuld daran zu sein!").
Dem Werk von Claudius wohnt ein Ton inne, "der bis heute in der deutschen Literatur völlig einzigartig ist. Einen solchen Autor haben wir wahrscheinlich - Johann Peter Hebel ausgenommen - kein zweites Mal in der deutschen Literatur", sagt Prof. Frühwald in einem Gespräch über den Dichter in BR-alpha und meint weiter, dass Claudius nicht "aus dem kollektiven Gedächtnis entschwinden kann", denn es "gibt keine anderen Urszenen in der deutschen Literatur in diesem Ausmaß wie bei Claudius".
Diese Dünndruckausgabe der Sämtlichen Werke von Matthias Claudius ist ohne jeden Abstrich besonders zu empfehlen und verdiente mindestens zehn Punkte.