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2.0 von 5 Sternen
Alter Essig im neuen Schlauch - führt zur Abwertung, 22. Dezember 2004
Rezension bezieht sich auf: Sämtliche Werke: Franziska Gräfin zu Reventlow in fünf Bänden (Gebundene Ausgabe)
Eigentlich ist es erfreulich, dass nun endlich eine Werkedition Franziska zu Reventlows erschienen ist - immerhin wurden in den letzten Jahren zwar einzelne Werke von ihr wiederaufgelegt, aber vieles, darunter die "Briefe" und die äußerst wichtigen "Tagebücher", musste man sich doch antiquarisch besorgen.
Nun hat sich der Igel-Verlag an die Arbeit gemacht, und das Ergebnis seiner Mühen sieht auf den ersten Blick blendend aus - die Ausstattung der fünf Bände lässt nicht nur das Bibliophilenherz höher schlagen; edler geht's fast nimmer.
Der wunderschönen äußeren Aufmachung entspricht der Inhalt aber nur teilweise; jeder der fünf Bände wurde von einem anderen Herausgeber betreut, unter der Leitung von Michael Schardt: Karin Tebben, Andreas Thomasberger, Brigitta Kubitschek, Martin-M. Langner und Baal Müller. Diese fünf haben sich der Aufgabe ganz offensichtlich mit unterschiedlichem Engagement, Vorwissen und Sachkenntnis gewidmet.
Der erste Band der Reihe (die Romane "Ellen Olestjerne" und "Von Paul zu Pedro"), herausgegeben sowie kenntnisreich und scharfsinnig kommentiert von Karin Tebben, bildet einen fulminanten Auftakt und hätte als Einzelband die Bestnote redlich verdient.
Das gilt, mit geringen Abstrichen, auch für die Bände 2 ("Herrn Dames Aufzeichnungen", "Der Geldkomplex", "Der Selbstmordverein"; hrsgg. v. A. Thomasberger) und 5 (verschiedene Erzählungen, Gedichte, Skizzen, Novellen, Aufsätze, hrsgg. v. Baal Müller); die Kommentare erreichen zwar nicht Tebbens hohes Niveau, aber das ist eher Lob für deren Leistung als Tadel für die beiden anderen.
Etwas anders liegt der Fall bei den Bänden 3 und 4, die Franziska zu Reventlows autobiographischen Schriften gewidmet sind (Band 3: Tagebücher, hrsgg. v.B. Kubitschek; Band 4: Briefe, hrsgg. v. Martin-M. Langner).
Beim "Briefe-Band" liegen Licht und Schatten eng beieinander. Über jeder Kritik steht sicher der erstmalige Abdruck von über hundert bislang unbekannten Briefen; vor allem die Briefe an den Psychologen Hans Walter Gruhle sind eine wichtige Entdeckung - und ihre Entzifferung war keine geringe Leistung, denn F. zu Reventlows Handschrift ist nicht der lesbarsten eine. Doch was diesem Band ganz einfach fehlt, ist ein exakterer Editionsbericht, wie er bei wissenschaftlichen Ausgaben (und als eine solche bezeichnet der hauptverantwortliche Herausgeber M. Schardt "seine" Reventlow-Ausgabe) längst Standard ist. Schludrig wirkt, neben erkennbar falschen Datierungen, auch Langners Nachwort. Hier hätte ein aufmerksames Lektorat dafür sorgen müssen, den Inhalt nicht unter Wert zu verkaufen. Leider war dies nicht der Fall.
Am schlimmsten erwischt hat es in dieser Edition aber ausgerechnet das pièce de résistance in Franziska zu Reventlows Werk, ihre Tagebücher. Man schüttelt den Kopf und fragt sich, was um Himmelswillen sich die renommierte Reventlow-Expertin Kubitschek hier gedacht hat: Versprochen wird dem Leser nämlich die wissenschaftliche Neuedition von Franziska zu Reventlows Tagebüchern - nachdem bislang nur eine durch allerlei Editionsfehler entstellte Version von 1971 in mehreren Ausgaben vorliegt. Wie bereits ein einziger Blick ins handschriftliche Original zeigt, ist diese 1971er Version auch noch mit Lese- und Editionsfehlern aller Art behaftet, und zwar nicht nur harmlosen. Im einzelnen handelt es sich hier um orthographische Korrekturen (über die könnte man hinwegsehen, wenn's weiter nichts wäre), um Umformulierungen und Kürzungen des Originaltextes, um Lesefehler der schwerwiegenderen Art (betroffen sind u.a. auch zahlreiche Orts- und Personennamen) und um viele (im Druck niemals gekennzeichnete!) Auslassungen.
Der damaligen Herausgeberin, F. zu Reventlows Schwiegertochter Else Reventlow, kann man aus alledem keinen Strick drehen. Wer einmal das zweifelhafte Vergnügen hatte, Franziska zu Reventlows Handschrift entziffern zu müssen, verzeiht gern die Fehler und stellt das Positive in den Vordergrund.
Doch bei einer Neuedition, dazu noch von einer prominenten Expertin, erwartet man doch mehr als die exakte Kopie der bisherigen Fassung. Tatsächlich, Seite für Seite hat sie den bereits etablierten, oben erwähnten Text brav abgeschrieben, mit allen Lücken und Fehlern. Wenn sie nur einmal die Originale eingesehen hätte, hätte ihr auffallen MÜSSEN, welch eine Mogelpackung sie hier unter dem Etikett "wissenschaftliche Edition" unters gutgläubige Volk bringen wollte und nun mit unfassbarer Chuzpe auch gebracht hat. Ihre vollmundige Verlautbarung "Für unsere Neuedition wurden Druckfehler und Irrtümer der älteren Ausgabe beseitigt. Die Handschriften wurden zu diesem Zweck herangezogen" ist eine dicke Lüge. Das einzige, was sie beseitigt hat, waren eventuelle Druckfehler in älteren Ausgaben. Aber die Handschriften hat sie nicht einmal von weitem gesehen.
Da nützt es auch nicht viel, dass sie den Text neu kommentiert und erläutert hat (unter Heranziehung anderer Quellen). Wenn sie einen Lesefehler Else Reventlows, z.B. "Nachts von Theodor Storms Zimmern in Husum geträumt" treu und brav abschreibt und nun im Anhang Wissenswertes über Theodor Storm berichtet, dann ändert das nichts daran, dass sie den falschen Theodor kommentiert. Im Autographen steht nämlich nicht "Theodor Storm", sondern nur "Theodor", und gemeint ist ein älterer Bruder F. zu Reventlows. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.
Kurz: Wir haben hier eine wunderbare bibliophile Gesamtausgabe vorliegen, aber in den neuen Schläuchen gärt immer noch alter Essig.
Es ist schade, dass die erfreulichen, im Falle Karin Tebbens (Bd.1) sogar sehr erfreulichen Einzelbände 1, 2 und 5 in so schlechte Gesellschaft geraten sind. Und auch die Mängel von Band 4 (Briefe) hätte ein aufmerksamer Lektor behoben. Enthielte diese Gesamtausgabe also nicht die Tagebücher in der Mogelpackung, so vergäbe ich guten Gewissens 4 Sterne. Da nun aber ausgerechnet Franziska zu Reventlows wichtigste literarische Hinterlassenschaft, das Tagebuch, derartig stümperhaft ediert wurde, hagelt es Punktabzug: 2 Sterne. Wie gesagt, es ist schade um die leidlichen bis brillanten Leistungen der anderen vier Herausgeber, und um die wunderbare bibliophile Ausstattung auch. Und schade um Franziska zu Reventlow. Eine Gesamtausgabe ihrer Werke hätte ich nur zu gern positiver rezensiert.
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Ein Schmuckstück für jedes Bücherregal!, 2. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Sämtliche Werke: Franziska Gräfin zu Reventlow in fünf Bänden (Gebundene Ausgabe)
Franziska Gräfin zu Reventlow - die Schriftstellerin mit dem unangepassten Lebensstil fasziniert auch heute noch, fast hundert Jahre nach ihrem Tod 1918. 1871 In Husum geboren, lehnte sie sich bereits früh gegen gesellschaftliche Konventionen auf: Nach einer kurzen Ehe mit bald folgender Scheidung zog sie nach München, wo sie schnell zum Mittelpunkt der Schwabinger Bohème avancierte.
Franziska zu Reventlow ist vor allem aufgrund ihrer rasanten Biographie bekannt, aber es lohnt sich unbedingt, auch ihr literarisches Werk kennenzulernen.
Diese fünfbändige Werkausgabe erschien 2004 im Igel Verlag. Sie ist hochwertig hergestellt (mit blauem Leineneinband und Lesebändchen), und macht die weitestgehend vergriffenen Werke und die autobiographischen Schriften endlich wieder gebündelt greifbar.
Die ersten beiden Bände sind den Romanen gewidmet (der bekannteste hiervon sicherlich 'Ellen Olestjerne'), im dritten Band finden sich die Tagebuchaufzeichnungen - faszinierend und wirklich spannend zu lesen. Band vier und fünf enthalten die Briefe und 'Sonstiges' - u.a. Gedichte, Novellen und Aufsätze. Alle Bände sind kommentiert bzw. mit einem Nachwort versehen. Der fünfte Band bietet eine sehr gute Kurzbiographie, die einen hilfreichen Überblick über die vielen Lebensstationen, Schicksalsschläge und Bekanntschaften der Gräfin bietet, außerdem eine (bis zum Erscheinungsdatum) wohl nahezu lückenlose Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur.
Fazit: Das literarische und autobiographische Werk einer beeindruckenden Frau. Neben dem Inhalt lassen auch die bibliophile Aufmachung der Gesamtausgabe und der günstige Preis (88,00 Euro) das Buchliebhaber-Herz höher schlagen!
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