Hans Paasche überlässt dem forschungsreisenden Afrikaner Lukanga Mukara die Zivilisationskritik, Herbert Rosendorfer dem zeitreisenden Mandarin Kao-Tai. Robert Walser wiederum engagiert 1904 den fiktiven Schulbuben Fritz Kocher für die Aufgabe und veröffentlicht dessen Schulaufsätze als die Hinterlassenschaft des gewitzten, leider allzu jung Verstorbenen.
Die Tarnung ist perfekt: Wüsste man nicht, dass Robert Walser dahintersteckt, würde man wenigstens im ersten Moment glattweg glauben, die Schulaufsätze eines gewitzten 14jährigen zu lesen. Der Witz lauert zwischen den Zeilen, denn der Reiz von Fritz Kochers Hinterlassenschaft besteht nicht in krachledernem Klamauk, im Gegenteil! Der Knabe ist feinsinnig und ambitioniert, und er strebt nach Vervollkommnung. So philosophieren intelligente 14jährige altklug in gepflegter Weltschmerz-Attitüde, und Walser beherrscht diesen Sprachduktus perfekt.
Folgerichtig muss man diese Besinnungsaufsätze der ganz besonderen Art auch genau lesen, damit einem ja nichts auskommt; das wäre nämlich schade. Fritz besinnt sich nämlich akkurat: Über das Wesen des Menschen, über Freundschaft, Armut und Feuersbrunst, er schildert den geschundenen Handels-Commis erbarmungslos mit dem gebotenen Feinsinn des werdenden Intellektuellen, und das "Freithema" mündet in einer um Erwachsensein bemühten Schilderung des Herrn Lehrers, mit der Fritz am Ende aber "nicht besonders zufrieden" ist.
Mal übt Fritz Kocher sich in frühreifer Melancholie und schreibt über den Herbst "Farben sind nur ein zu süßer Wirrwarr. Ich liebe das Einfarbige, Eintönige", und dann schlägt er einen abenteuerlichen Haken und wechselt in nachgerade expressionistische literarische Farbenpracht, fragt, warum "eine Farbe nicht den Eindruck des Singens machen können" sollte, und legt los. Am Ende wühlt sich mittenhinein in sein Sinnieren die prosaische Sorge um die Zeugnisnote... Ganz andere, nachgerade reißerische Qualitäten entwickelt Fritz bei der Schilderung einer nächtlichen Feuersbrunst, vermengt souverän die Faszination der Naturgewalt mit der pflichtschuldigen Bekümmernis um das Schicksal der abgebrannten Familie.
Wie Robert Walser hier die Schülermütze als Tarnkappe aufsetzt, das ist perfekte Rollenprosa; der Geist weht nicht nur durch die unschuldige Fassade im Vordergrund. Hinter der Maske des Schulaufsatzes parodiert Walser die Stilvorgaben seiner Zeit für Feuilleton und Sonntagspredigt ebenso wie die moralischen Vorgaben seiner Zeit, und nicht nur in seinen Betrachtungen zum Thema "Armut" beißt er zu. Anfangen tut's noch in jugendlicher Unschuld, "Warum ist Armut eine solche Schande? Ich weiß es nicht", aber dann geht er ins Detail und unterscheidet streng zwischen armen Männern und armen Frauen. Für Letztere hat er eine Vorliebe, denn "sie können so schön um eine Gabe bitten". Den männlichen Bettlern hingegen geht das Talent zum hinnehmbaren Betteln ab, sie "sind häßlich und verlegen und deshalb verabscheuungswürdig". Der Aufsatz bricht heimtückisch gerade da ab, als Fritz darüber räsoniert, warum ihm der Neid der armen Klassenkameraden zu schaffen macht. Die Pausenklingel...
In jedem dieser Aufsätze verbergen sich in aller Unschuld gezielte Nadelstiche, und den allergelungensten Aufsatz zu bestimmen ist unmöglich, denn alle sind sie einfach hervorragend; der vielleicht markanteste Aufsatz dürften die Betrachtungen über das Leben des Commis sein. In aller Unschuld werden da unscheinbare Lebensläufe gewürdigt -- hier läuft Robert Walser zur Bestform auf.
Zu Fritz Kochers tatsächlicher und Robert Walsers vermeintlicher Arglosigkeit passen die Illustrationen von Karl Walser hervorragend; seine Zeichnungen sind wie die Prosa seines Bruders nur scheinbar auf den ersten Blick zu erfassen.