Diese Rezension beschränkt sich auf die Bewertung der vorliegenden Edition, nicht auf eine Stellungnahme zu Rang und Gehalt des Kleistischen Werks: Hier ist zunächst festzuhalten, dass es sich bei der Werkausgabe Helmut Sembdners um ein zweischneidig Ding handelt. Als kostengünstige Ausgabe, die durchaus historisch-kritische Ansprüche verfolgt, ist sie jedem Philologen wie interessierten Laien zunächst grundsätzlich zu empfehlen, da sie einerseits im Wissenschaftsbetrieb zitierfähig ist, was (zumindest hierfür) den Gang in die Fachbibliothek erspart, andererseits einen nützlichen Stellenkommentar, der auf das nötigste beschränkt worden ist, enthält. Zudem werden Varianten und Vorstufen (etwa zur "Familie Schroffenstein") in aller Ausführlichkeit wiedergegeben und dokumentiert. Neben den Dramen und Gedichten, die den ersten Teil des Bandes ausmachen, liefert der zweite Großabschnitt sämtliche Erzählungen, Anekdoten und Briefe, sodass damit alle wesentlichen Textzeugnisse Kleists zusammengetragen worden sind.
Doch stellen sich den Kaufargumenten Vollständigkeit und Preisgünstigkeit leider auch einige Makel entgegen: Zum einen bleibt der Kommentarteil in vielen Detailfragen, die einer eingehenden Behandlung bedürfen, Auskunft schuldig, Erläuterungen zu Entstehungs- und Wirkungsgeschichte und selbst der Stellenkommentar fallen vergleichsweise knapp und in ihrem Informationsgehalt recht wenig ergiebig aus. Dies wäre angesichts der wuchernden Sekundärliteratur zu Kleist freilich noch zu verschmerzen und machte allenfalls den Griff zu ergänzenden Erläuterungen nötig, wäre da nicht eine weit größere Unpässlichkeit: In die Orthographie wurde bei der Textkonstitution teils massiv eingegriffen, sodass eine intensive und kritische Beschäftigung mit den Texten leider das Hinzuziehen der Erstdrucke oder auch in dieser Hinsicht sorgfältigerer Parallelausgaben erfordert: Derjenige, der sich allein mit den Prosatexten und Gedichten Kleist auseinandersetzen möchte, sei hier vor allem an die Ausgabe im Deutschen Klassiker Verlag (Hrsg. von Klaus Müller-Salget) verwiesen. Diese orientiert sich an genaueren und nachvollziehbareren editorischen Grundsätzen und verfügt überdies über einen geradezu überwältigenden Kommentarteil, der nur wenige (Grundsatz-)Fragen offenlassen dürfte. Als Taschenbuch fällt sie zudem in dieselbe Preisklasse wie die vorliegende Ausgabe von Sembdner, die indes insbesondere für die Dramen Kleists nach wie vor eine kostengünstige und empfehlenswerte Alternative darstellt.