Dmitri Shostakovich (1906-1975) war einer der produktivsten Komponisten des vergangenen Jahrhunderts. Nicht nur im Bereich der Orchestermusik lieferte er einen wichtigen zeitgenössischen Beitrag, sondern auch in der Kammermusik. Seine 15 Streichquartette dürfen getrost als der Gipfel seines Schaffens bezeichnet werden. In keiner anderen Gattung erreichte er eine derartige Meisterschaft, Perfektion und Verknappung der musikalischen Mittel und der außermusikalischen Aussage.
Neben einer frühen Polka - als Arrangement aus dem Ballett "Das goldene Zeitalter" op. 22 - und einer Elegie - aus der Oper "Lady Macbeth von Mzensk" op. 29 - gibt es quasi kein Frühwerk auf dem Gebiet des Streichquartetts. Den ersten Beitrag lieferte Shostakovich mit op. 49 in C Dur, einem recht einfachen, knappen Quartett.
Wesentlich umfangreicher - angereichert mit einer originellen Ouvertüre, einem packenden Rezitativ, einem Walzer und einem vielgestaltigen Variationssatz - ist da schon das zweite Quartett in A Dur op. 68, und spätestens mit op. 73 in F Dur findet der russische Komponist seinen individuellen Weg und seine charakteristische Tonsprache für dieses Genre.
Den reifen Shostakovich offenbart bereits das vierte Quartett in D Dur op. 83, in dem der Komponist fast ausschließlich mäßige Tempi verwendet. Im Allegretto findet er ganz offensichtlich immer wieder die richtigen Worte für seine ruhig fließenden Melodiebögen. Überhaupt ist sein Stil eine logische Fortsetzung dessen, was die Spätromantik "entwickelte", teilweise erweitert durch Elemente modernerer Strömungen wie der sogenannten "Zweiten Wiener Schule". Seine Tonsprache ist schroff, aber zugleich unendlich zart und lyrisch und kann einen jeden von uns erreichen.
Das fünfte Quartett B Dur op. 92 zeigt weitere Facetten der Tonsprache des Russen: Zum einen gehen alle Sätze attacca ineinander über. Eine Tendenz hin zur Vereinheitlichung ist deutlich zu erkennen. Außerdem erfolgt im langsamen Satz ein reger Wechsel zwischen zwei verschiedenen thematischen Gruppen, die Shostakovich allerdings so verarbeitet, dass er dem geneigten Hörer in einem fort neue Aspekte bietet.
Nach dem kantigen G Dur Quartett op. 101 folgen die ersten Quartette in Moll, die Shostakovichs Eindrücke vom Zweiten Weltkrieg verarbeiten. Während das kurze fis moll Quartett op. 108 in seiner Trauer zu verharren scheint, handelt es sich beim achten Quartett in c moll op. 110 um eines der bemerkenswertesten Kompositionen des russischen Tonsetzers. Die einzelnen Sätze, die unterschiedlicher kaum sein könnten, reihen sich attacca aneinander und erzeugen eine Atmosphäre, die so konzentriert ist wie in kaum einem anderen Streichquartett des Komponisten. Auch werden seine Quartette abs nunc immer dichter und schicksalsschwerer. Shostakovich wollte mit diesem Quartett allen Opfern des Zweiten Weltkrieges einen Tombeau setzen.
Das markige Es Dur Quartett op. 117 offenbart hinter seiner scheinbaren Forschheit tief sitzende, zersetzende Trauer. Die Quartette Nr. 10 und 11 zeichnen sich hingegen durch ihren verklärenden Tonfall in den dafür typischen Paralleltonarten As Dur und f moll aus. Während op. 118 eine geradezu versöhnliche Stimmung erzeugt, zeigt Shostakovich in op. 122 die Trauer und die Hoffnungslosigkeit anhand von sieben Charakterbildern: Introduktion, Scherzo, Rezitativ, Etüde, Humoreske, Elegie und Finale.
Die letzten vier Quartette gehen dazu über, wenige musikalische Gedanken zu fixieren und diese bis zum Letzten auszureizen. So sind das zwölfte und das 13. Quartett in Des Dur op. 133 beziehungsweise b moll op. 138 extrem verknappt und konzentriert. Op. 138 besteht sogar nur aus einem Adagio.
Auch das Fis Dur Quartett op. 142 ähnelt den beiden Vorgängerwerken dahingehend, obschon es dreisätzig ist. Die Tiefe, die Shostakovich hier auslotet, ist berückend.
Das letzte und längste Quartett des russischen Komponisten ist op. 144 in es moll. Das sechssätzige Werk verarbeitet wenige und prägnante musikalische Gedanken in mannigfacher Weise und führt dadurch das in op. 122 Angedeutete zu Ende. Auch hier ist die Satzbezeichnung durchgehend Adagio. Nach einer einleitenden, üppigen Elegie, folgen eine inbrünstige Serenade, ein schlichtes Intermezzo und eine zarte Nocturne. Der bizarre Trauermarsch und ein in sich ruhender Epilog beschließen das Stück.
Das Emerson String Quartet hat sich schon lange um die Pflege zeitgenössischer Musik verdient gemacht. Nachdem sie bereits alle Shostakovich Quartette im Studio aufgenommen hatten, entschieden sie sich, eine Liveeinspielung dieser Kompositionen folgen zu lassen. So stammt die vorliegende Gesamtaufnahme vom Aspen Music Festival der Jahre 1994, 1998 und 1999. Die Klangqualität ist bestechend. Die Emersons erläutern im Vorwort, dass diese Quartette mit dem Publikum leben. Ob die Atmosphäre nun wirklich sinnhafter ist als bei den Studioaufnahmen, soll jeder selbst entscheiden. Als ärgerlich empfinde ich, dass die CDs nur in billigen Briefumschlägen verpackt sind.
Die Darbietung jedenfalls ist transparent, mitreißend und fesselnd. Die scharfe Akzentuierung und die angenehme Tempowahl machen das Hören zum Genuss. Zudem ist das Spiel perlend, farbig und kontrastreich nuanciert und fein säuberlich abgestuft.
Fazit: Ein wahrer Genuss! Die unvergleichlichen Shostakovich Quartette in einer herausragenden, vielleicht sogar der Referenzeinspielung!