"Complete String Quartets" steht groß auf der Box. Nun, das "Complete" ist ein leichter Etikettenschwindel, denn ein Satz fehlt, der in eine Gesamtaufnahme der Beethoven-Quartette unbedingt hineingehört: das nachkomponierte Finale zum B-Dur-Quartett op. 130.
Bekanntlich hatte Beethoven zunächst die Große Fuge als Finale für op. 130 vorgesehen, doch weil diese Fuge Hörer wie Ausführende überforderte, schrieb der Komponist auf Bitten des Verlegers Artaria einen neuen, einfacheren Schlusssatz. Die Große Fuge wurde dann als Einzelwerk unter der Opuszahl 133 herausgegeben. Während man im 19. Jahrhundert op. 130 fast immer mit dem nachkomponierten Finale aufführte, setzte sich im 20. Jahrhundert Beethovens ursprüngliche Intention mit der Großen Fuge als Schlusssatz durch.
Es ist daher verständlich, wenn das Artemis-Quartett bei seinen Konzertauftritten das B-dur-Quartett stets mit der Großen Fuge spielt. Bei einer Gesamtaufnahme, die im Studio entstand, hätten sie sich aber nicht zu schade sein sollen, auch das nachkomponierte Finale zu berücksichtigen. Viele Streichquartette spielen das B-Dur-Quartett mit beiden Finales auf ein und derselben CD ein, damit der Hörer entscheiden kann, welche Fassung er hören möchte. Was hätte dagegen gesprochen, es hier auch so zu machen? Von der Spielzeit her wäre Platz auf der CD gewesen.
Auch das Booklet erwähnt das nachkomponierte Finale zwar kurz, führt aber mit keinem Wort aus, warum es in dieser "Gesamt"aufnahme nicht enthalten ist.
Schade, denn die Aufnahmen sind sonst gut gelungen, und das Artemis-Quartett wird seinem Ruf als eines der besten Quartette der Gegenwart durchaus gerecht. Aber dieser fehlende Satz kostet einen Bewertungspunkt.