Dieses Buch vereint alle 5 Stücke von Sarah Kane die sich leider im Februar 1999 das Leben nahm. Man soll es im ersten Moment nicht für möglich halten, doch dreht es sich in diesen Dramen fast ausschließlich um das Thema überhaupt, nämlich Liebe. Allerdings immer im Zusammenhang mit Zerstörung. Überhaupt sind Kanes Stücke, das sagt ja schon die Überschrift dieser Rezension, alles andere als zimperlich. Die Sprache ist minimalistisch (oftmals sehr knappe, fast fragmentarische Dialoge), was nicht gerade den Zugang erleichtert, die Beschreibungen von Gewaltakten sind, ebenso wie die von Sexualakten, zahlreich und explizit und überhaupt ist die ganze Umgebung und die Stimmung eher "dunkel". Zeit spielt bei Kane keine Rolle, so beginnt z.B. eine Szene bei Frühlingsregen und endet bei Sommerregen.
Die Inhalte lassen sich in wenigen Sätzen wiedergeben: In ZERBOMBT geht es um die abgründige Beziehung zwischen Ian (Sadist) und Cate (Masochist), wobei Ian zuerst austeilt und dann selbst einstecken muss (Sarah Kane hat den "Beziehungskrieg" der beiden vor ein wahres Kriegsszenario gestellt). In PHAIDRAS LIEBE verarbeitete sie den klassischen Phaidra-Mythos (Liebe von Mutter zu egoistischem Stiefsohn). GESÄUBERT spielt "wahrscheinlich" (das wird offen gelassen) in einer Heilanstalt in der der Psychiater die einzelnen Insassen durch Folter auf die Probe stellen will. Er möchte wissen, wie weit sie für die Liebe bereit sind zu gehen. Das vierte Stück, GIER, hat sich mir nicht ganz erschlossen ehrlichgesagt. In GIER ist keine klare Form mehr zu erkennen, die Personen sind nur mit Buchstaben gekennzeichnet und reden scheinbar ohne Zusammenhang miteinander. Sehr interessant und auch durchaus logisch, aber eben nicht so ganz meine Welt. Das letzte Stück, 4.48 PSYCHOSE hat mich wohl am meisten berührt. Hier ist allerdings die Form noch unzugänglicher da noch nicht mal Personen auftauchen, sondern nur Monologe, Dialoge, Zahlenketten. Kennt man allerdings die Biographie von Sarah Kane (sie litt ein Leben lang an Depressionen), dann wird einem schon ein wenig mulmig zumute, wenn die Stimme in 4.48 PSYCHOSE von seinen Ängsten, von der Medikation, von Suizidgedanken uvm. spricht. Auch wenn im, übrigens sehr informativen, Vorwort darauf hingewiesen wird, dass man die Stücke nicht in Hinblick auf die Autorin, sondern vielmehr in Hinblick auf uns selbst zu lesen.
Volle Punktzahl also, weil die Stücke genial sind, auch wenn oder gerade WEIL sie auf den ersten Blick so brutal und sensationslüstern daherkommen. Viele Kritiker warfen Sarah Kane ja genau das vor, dennoch bekam sie unter anderem zweimal in Deutschland den Preis der besten ausländischen Theaterautorin. Ausserdem erfahren wir im Vorwort, neben vielen anderen wissenswerten Dingen, dass der Schritt von Kane zu Shakespeare gar nicht so weit ist (in mancherlei Hinsicht natürlich nur :-)). Lässt man sich darauf ein, dann merkt man doch schnell, dass es hier um so wichtige Fragestellungen geht wie: Ist Liebe in der heutigen Zeit überhaupt noch möglich? oder Was kann ein Liebender einem anderen ehrlicherweise versprechen? Und auch für Regisseure sind Kanes Dramen interessant, denn Regieanweisungen wie "Ratten tragen Carls Füße fort" und "Eine Sonnenblume birst durch den Boden" werden sie schon an ihre Grenzen führen.
Für mich sind die Stücke von Sarah Kane jedenfalls eine Entdeckung und ich freue mich jetzt schon auf jede Inszenierung der ich beiwohnen darf.