Es gibt wenige Dirigenten internationalen Ranges, die sich nicht wenigstens einmal im Laufe ihrer Karriere einer Gesamtaufnahme aller Beethoven Sinfonien annehmen. Der Zyklus Norringtons hätte tatsächlich ein ganz großer werden können, denn schließlich ist er schon allein deswegen interessant, weil Norrington mit seinen London Classical Players auf Originalinstrumenten spielen lässt.
Die Einspielung der ersten beiden Sinfonien ist famos. Norrington verleiht diesen eher unspektakulären Werken Würze, Anmut und Biss. Das flotte Tempo der London Classical Players mündet nicht selten in einen Freudentaumel, der den Hörer zu berauschen vermag.
Das Tempo des Kopfsatzes der Eroica empfinde ich als sehr angenehm, da trotz der Schnelle die Erhabenheit dieses Satzes nicht verloren geht. Zu wenig Zeit lässt sich Norrington aber für den tief empfundenen, hoch emotionalen Trauermarsch des zweiten Satzes. Der Rest der Sinfonie ist dann aber wieder gelungen.
Auch die vierte Sinfonie, die ja eher ein Schattendasein fristet, erfährt eine liebevolle, rigoros zügige Aufführung, ohne dass aber das herrliche Adagio in Mitleidenschaft gezogen würde.
Selbst das grenzwertig schnell gespielte Allegro con brio der fünften Sinfonie wirkt nicht überzogen oder übertrieben, denn Norrington gibt dem Orchester zwischen den anfänglichen Tuttischlägen genügend Zeit, um nicht abgehetzt zu scheinen - ganz im Gegensatz zu Herbert von Karajan! Überhaupt ist die Einspielung der Fünften vielleicht das Highlight schlechthin dieser Box: Wie erhaben das Andante, wie düster das Scherzo, wie strahlend das Finale!
Abgehetzt wirkt dagegen die Pastorale. Norrington scheint es nicht daran gelegen, am Bach zu verweilen; auch scheint ihm das Landleben eher zu träge, wenn man hört, wie harsch er es durchs Orchester hasten lässt.
Ein weiterer Höhepunkt ist die Siebte. Norrington beweist, dass das Allegretto des zweiten Satzes durchaus majestätisch und feierlich sein kann, ohne es zu langsam zu spielen. Selbiges demonstriert er im Trio des Scherzos. Voller Dynamik, Energie und Rhythmik kommen die beiden Kopfsätze daher. Alles fügt sich wundervoll ins andere, es entsteht ein prächtiges Ganzes. Bravo, da capo!
Nimmt es uns jetzt noch wunder, dass auch die Achte zu einem Meisterwerk aufgestriegelt wird? Wohl eher nicht bei diesem vollen, energischen Orchesterklang. Norrington beweist, dass auch die verschmähte Achte nicht minder ein Meisterwerk Beethovens ist.
Ein großes Manko allerdings ist die Einspielung der größten aller Sinfonien, der Neunten: Norrington lässt auch hier nicht von seiner Maxime ab, Beethoven durch raschere Tempi zu entschlacken. Das Problem ist nur, dass der erste Satz der neunten Sinfonie so, wie er es spielt, beinahe lächerlich wirkt und seiner musikalischen Aussagekraft beraubt wird. Ganz anders das furiose Scherzo, das wohl beste je komponierte Scherzo: Hier trifft Norrington jede Nuance, jede Tendenz wird herausgearbeitet und auch das Trio tönt, wie es tönen muss: frisch, munter und fröhlich. Im dritten Satz bewahrheitet sich Leonard Bernsteins Verdacht, dass viele Dirigenten Adagio molto cantabile statt Adagio molto e cantabile läsen. Diesen hehren Satz eilt Norrington zu Tode. Auch dem Finale geht ein Teil seiner Majestät ab, da es ihm an klarer Strukturierung und Liebe zum Detail in der Interpretation gebricht. Die sängerische Leistung des Chores und der Solisten ist solide, aber nicht überwältigend.
Neben den Sinfonien finden sich die beiden Ouvertüren "Egmont" op. 64 und "Die Geschöpfe des Prometheus" op. 43 auf diesem Box Set. Das gehende Tempo Norringtons verleiht vor allem ersterer etwas Neues, Frisches. Auch letzterer tut das rasche Tempo gut.
Der Klang der Originalinstrumente führt in neue Klangssphären und versetzt uns zurück in das Wien zur Zeit Mozarts und Beethovens. Die Aufnahme überzeugt durch (aufnahme)technische Brillanz und Vielgestaltigkeit. Ärgerlich finde ich das spärliche Booklet und die billige Aufmachung der Box.
Fazit: Die Sinfonien Nr. 1, 2, 4, 5, 7 und 8 liegen in einer hervorragenden Einspielung vor und rechtfertigen zusammen mit den beiden Ouvertüren schon alleine den Kauf dieser Box - insbesondere zu diesem unschlagbaren Preis! Der Sinfonie Nr. 3 und besonders den Sinfonien Nr. 6 und 9 hätte etwas mehr Zeit und Verständnis durchaus nichts geschadet. Damit muss man Norrington leider attestieren, dass er die Chance auf eine wirklich große Gesamteinspielung aller Beethoven Sinfonien vertan hat.