Ich habe länger gezögert, mir nach Kauf der Gesamteinspielungen der Beethoven-Symphonien mit dem Minnesota Orchestra unter Osmo Vänskä und der Bremer Kammerphilharmonie unter Paavo Järvi allein in diesem Jahr und in Besitz der Gesamtaufnahmen mit David Zinman (Zürich), J. E. Gardiner (Orchestre Revolutionnaire et Romantique) und Günter Wand (NDR-SO) und einiger Einzelaufnahmen (Carlos Kleiber, Herbert von Karajan, Leonard Bernstein, Lovro von Matacic, Giovanni Antonini etc. etc.) nun auch noch die Gesamtaufnahme mit Chailly zuzulegen, zumal das einzig Singuläre an ihr ist, dass es sich um die erste Beethoven-Gesamteinspielung unter diesem Dirigenten handelt.
Ich bereue die Anschaffung trotzdem nicht. Der gute Eindruck beginnt bei Äußerlichkeiten mit einer sehr wertig gestalteten Box mit den CDs in die Seiten des Begleitbüchleins integriert, mit ansprechenden Bildern, einem informativen Text, dem u. a. zu entnehmen ist, dass Chailly nicht aus der neuen Urtext-Ausgabe dirigiert, wie seit Gardiner und Zinman in den 1990ern üblich, sondern aus der Peters-Ausgabe mit Einbeziehung der Erkenntnisse anderer Dirigenten (Markevitch, Szell), und das noch einmal einen schönen Überblick über die Beethoven-Tradition im Gewandhaus liefert. Zur Freude trägt dann die hervorragende Aufnahmetechnik bei, für mich - außer der fehlenden Surround-Möglichkeiten - auf einem Niveau mit der Einspielung aus Minneapolis.
Dass die Aufnahme nicht so transparent ist wie z. B. die Einspielung aus Bremen, liegt nicht an der Technik, sondern an der Größe des Orchesters. Hier werden sich wieder die Geister scheiden, optimale Durchhörbarkeit kann man meines Erachtens mit einem großen Sinfonierorchester nicht erreichen. Gleichzeitig ist der Klang des Leipziger Traditionsorchesters schon eine Klasse für sich, extrem sonor, ein wenig dunkel, von enormer individueller Substanz, die aus meiner Sicht so manchem "Originalklang"-Ensemble abgeht.
Interpretatorisch beschreitet Riccardo Chailly quasi einen Mittelweg zwischen "historisch informierter" Aufführungspraxis (wenig Vibrato, teils sehr gesangliche Phrasierung, starke Kontraste, schnelle Tempi) und "traditioneller" groß-symphonischer Sichtweise (groß besetztes Ensemble, hier und da ein ordentliches Rubato, manchmal Bevorzugung des vollen Klangs zuungunsten der Transparenz). Das ist wohl mit dem Begriff der "vierten Straße" (neben den Sichtweisen Toscaninis, v. Karajans und Gardiners) im Booklet gemeint, die Chailly zu Beethovens Symphonien anlegen will.
Die Ergebnisse sind für mich überwiegend sehr überzeugend. Die Symphonien 1 und 2 werden forsch, frisch, vergleichsweise sehr transparent und sehr spannend umgesetzt, die Eroica gewinnt bei hohen Tempi vergleichbar jenen in den Deutungen von "Originalklang"-Ensembles durch das groß besetzte Orchester an (positivem) Pathos, die Vierte wird sehr ernst genommen, die Fünfte gelingt für mich gleichfalls in idealem Gleichgewicht zwischen Drive, Wucht und Detailfreudigkeit (Piccolo-Flöte im Finale!), die Sechste liegt dem Gewandhausorchester offenbar hervorragend, sowohl in den gesanglichen als auch in den dramatischen Abschnitten; die Gewitterszene ist ein typisches Beispiel dafür, dass Chailly eben manchmal zugunsten der Dramatik die Transparenz opfert, was ich ihm aber nachsehe, wenn die Dissonanzen im Blech den "Regen" in den Streichern breitflächig überdecken, sich aber dadurch auch wirklich ein bedrohliches Szenario nachvollziehen lässt. Auch in der Siebten gelingt eine schöne Synthese aus Tanz und symphonischer Macht. Die Achte ist für mich in dieser Gesamtaufnahme ein Paradebeispiel dafür, dass die Leipziger zwar schnelle Tempi nehmen (eben orientiert an Beethovens Metronomvorgaben), dass man aber nie den Eindruck hat, die Musik würde gehetzt, wie er sich für mich manchmal in der Züricher Aufnahme unter Zinman einstellt. Auch die Neunte ist in der Gesamtleistung hervorragend, wobei mich das Bariton-Solo von Hanno Müller-Brachmann wegen des für meine Ohren zu starken Vibrato nicht gänzlich überzeugt.
Die Ouvertüren schließlich (Prometheus, Leonore III, Fidelio, Coriolan, Egmont, Die Ruinen von Athen, Namensfeier, König Stephan) füllen nicht nur die CDs randvoll, sondern sind wirklich jede für sich exzellent realisiert, auch hier spielen die Leipziger hellwach und extrem spannend.
Diese Beethoven-Gesamtaufnahme kann in Anbetracht der unüberschaubaren Konkurrenz kein "Ereignis" sein, sie hat nie einen "existentiellen" Charakter, der Begriff der "vierten Straße" ist sicher ein wenig vollmundig, aber es ist doch eine Spitzen-Einspielung, die sich innerhalb der neuen Aufnahmen der Werke aus meiner Sicht sehr gut behaupten kann und die zumindest ich immer wieder gern auflegen werde.