Von den neun Sinfonien des tschechischen Komponisten Antonín Dvorák besitzt eigentlich nur die neunte einen größeren Bekanntheitsgrad. Wie in vielen anderen Bereichen seines Schaffens auch beschränkt sich die Beliebtheit auf die späteren Werke Dvoráks, obwohl es einen individuellen "Reifestil" seiner Kompositionen im Eigentlichen nicht gibt. Anders als die meisten Komponisten seiner Zeit hatte Dvorák aufgrund seiner nationalbewussten Naivität keine philosophischen oder ästhetischen Bedenken, Sinfonien zu komponieren, und so sind auch unter seinen früheren Werken einige Sinfonien vertreten.
Die erste Sinfonie in c moll mit dem Beinamen "Die Glocken von Zlonice" ließ der Tscheche allerdings unveröffentlicht. Ähnlich wie viele andere Frühwerke des Komponisten so handelt es sich auch dabei um ein Stück mit Überlänge. Die kompositionstechnischen Schwächen des Werkes - die für das Laienohr sowieso kaum wahrzunehmen sind - werden von üppiger Melodik und ausschweifender Leidenschaft übertüncht. Besonders das scherzoartige Allegretto ist ein wahrer Leckerbissen.
Wesentlich schlanker und flotter kommt die zweite Sinfonie B Dur op. 4 daher. Hier ist es insbesondere der zweite Satz - ein entzückendes Adagio -, der die frühe Meisterschaft Dvoráks beweist. Auch diese Sinfonie hat wieder ein wunderbares Scherzo zu bieten - immerhin war der tschechische Tonsetzer ebenso wie Beethoven und Bruckner ein Meister des Scherzos.
Dvoráks "Eroica" ist die dritte Sinfonie in Es Dur op. 10. Auch wenn es dem Komponisten grundsätzlich nicht daran gelegen war, traditionelle Konzeptionen anzutasten, so stellt diese Sinfonie dennoch eine Ausnahme dar, insofern sie als einzige seiner Sinfonien nur dreisätzig. Die beiden majestätischen Ecksätze säumen den Kern des Stückes, den Trauermarsch, der von erstaunlicher Qualität ist.
Schmerzhaft und stellenweise quälend intensiv - Adjektive, die auf die vierte Sinfonie d moll op. 13 passen. Das Schwergewicht dieser Komposition ruht auf den ersten beiden Sätzen. Problematisch erscheint dadurch das recht knappe, verschlüsselte Finale, das das Gleichgewicht des Stückes nicht immer halten kann.
Die mittleren drei Sinfonien werden oft mit der Eigenschaft "pastoral" versehen. Dass das durchaus nicht unpassend ist, zeigt gleich die fünfte Sinfonie in F Dur op. 76. Von besonderer Eleganz sind die mittleren beiden Sätze, in deren zweitem plötzlich das überraschende Allegro scherzando hervorbricht. Das Finale spannt den Bogen trefflich zurück.
Von ebenso ländlichem Einschlag ist die D Dur Sinfonie op. 60. Besonders das friedliche Adagio und das derbe Scherzo erinnern den Hörer an tschechische Volksliedthemen, obschon Dvorák nach eigener Aussage so gut wie nie originale Elemente aus der slawischen Volksmusik entlehnte. Das espritvolle Finale nimmt sogleich ein.
Der hehre Kopfsatz der siebten Sinfonie in d moll op. 70 kann über die pastorale Ausgelassenheit und eigentliche Lebensbejahung dieser Komposition nicht hinwegtäuschen. Sowohl das Adagio als auch das geniale Scherzo bereiten den Hörer auf das feurige Finale vor, das in seiner staunenswerten Naivität verharrt.
Die achte Sinfonie in G Dur op. 88 ist die wohl fortschrittlichste aller Dvorák Sinfonien. Es ist nicht nur die Einbettung des herrlich frischen Kopfsatzes in eine geheimnisvolle Sequenz und die Tiefsinnigkeit des Adagios, sondern besonders der bizarre Walzer des dritten Satzes und das weitschweifige, komplexe Finale, die uns einen gänzlich ungewohnten Dvorák offenbaren.
Die bekannteste und beliebteste seiner Sinfonien ist dagegen die Neunte in e moll op. 95, auch wenn der tschechische Komponist seine Kompositionstechnik hier wiederum radikal vereinfacht und zurück zur Tradition gelangt. Der erste Satz beinhaltet eine fast unerträgliche Spannungssteigerung, die in einem der berühmtesten Themen der klassischen Musik resultiert. Die unendliche Weite der amerikanischen Prärie zum einen und Sehnsucht nach dem Vaterland verleiht Dvorák, der zur Zeit der Komposition in New York weilte, im elysischen Largo Ausdruck. Nach dem bizarren Scherzo folgt das bombastische, überwältigende Finale.
Als Zugabe gibt's zum einen das "Scherzo capriccioso" op. 66, dessen Ausgelassenheit pure Lebensfreude zur Schau stellt - ein Element dvorákscher Musik, das besonders charakteristisch ist.
Die Ouvertüre "Karneval" op. 92 ist ein bunter Reigen und ein wundervolles Charakterstück. Nicht nur latent erinnert dieses Werk an die gleichnamige Ouvertüre Bedrich Smetanas.
Ein weiteres, vernachlässigtes Meisterwerk ist die sinfonische Dichtung "Die Waldtaube" op. 110. Anders als der Titel es vermuten lässt, beinhaltet das Stück einige zutiefst ernste Elemente, indes sich die Komposition mit menschlichen Dramen aus der Sicht einer friedlichen Taube thematisiert.
Gesamteinspielungen aller Dvorák Sinfonien sind immer noch rar. Die vorliegende Aufnahme der Berliner Philharmoniker beziehungsweise des Radio Symphonie Orchesters des Bayerischen Rundfunks (opp. 66, 92 und 110) unter der Leitung des Tschechen Rafael Kubelik aus den Jahren 1966 bis 1976 genießt nach all den Jahren weiterhin unangefochtenen Referenzstatus. Dass die Aufnahmequalität mangelhaft sei, kann ich nicht nachvollziehen. Ein gewisses Bandrauschen lässt sich gewiss nicht verleugnen, aber dennoch ist der Klang hell und klar.
Kubelik ist weiß Gott die beste Wahl für die Interpretation dieser Werke, erfasst er doch wie kein anderer das slawisch Herbe dieser Musik. Er wählt in der Regel flotte Tempi und lädt seine Deutung mit viel Kontrast auf, so dass jedes Stück ein Maximum an innerer Spannung erhält, ohne dabei jemals zu wenig differenziert oder transparent zu wirken. Selten beispielsweise ist es mir in den Sinn gekommen, nach einer Vergleichsaufnahme der Neunten zu suchen, derart vollkommen gestaltet sich Kubeliks Dirigat.
Aber es ist ja nicht nur sein Dirigat, sondern in besonderem Maße auch das entfesselte, brillante Spiel seiner Orchester. Die gestalten ihren Vortrag geschmackvoll akzentuiert, farbig und warm nuanciert und stets empathisch. Es nimmt mehr als Wunder, dass die Dvorák Sinfonien trotz dieser phänomenalen, makellosen Gesamteinspielung noch immer nicht aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht sind.