John Eliot Gardiner ist einer der Vorreiter der historischen Aufführungspraxis. Mit seinem Orchestre révolutionnaire et romantique nahm er Anfang der 90er Jahre sämtliche Sinfonien des großen Ludwig van Beethoven auf. In der Collector's Reihe der Deutschen Grammophon Gesellschaft ist dieser Zyklus nun preisgünstig neu aufgelegt worden.
Abgesehen von der unzureichenden Verpackung der einzelnen CDs in billigen, unbeschrifteten Papierhüllen und dem recht spärlichen einführenden Essay handelt es sich dabei um eine der besten, transparentesten und mitreißendsten Einspielungen auf dem Markt. Sobald man sich an den Klang der Originalinstrumente gewöhnt hat, steht einem makellosen, umfassenden Musikgenuss nichts mehr im Wege.
Gardiner wählt in der Regel flotte Tempi, ohne dabei aber wahnwitzig schnell und ungenau zu musizieren wie beispielsweise David Zinman. Durch seine punktgenaue und detailverliebte Akzentuierung und seine sehr fließende Nuancierung schafft er die wohl authentischste Darbietung dieser Repertoireklassiker. Das technisch brillante Spiel des Orchestre révolutionnaire et romantique und die herausragende Aufnahmequalität machen die Aufnahmen zu einem Fest der Musik.
Es mag ja viele andere hervorragende Deutungen der Beethoven Sinfonien zu geben. Teilweise aber wirkt es, als wollten die Dirigenten den Werken ihren allzu persönlichen Stempel aufdrücken, was zur Folge hat, dass zwar packende Ergebnisse dabei herauskommen - vergleiche Leonard Bernsteins Beethoven Zyklen -, die Orchestrierung und vor allem die Tempowahl aber willkürlich erscheinen. Gardiners transparentes Spiel tritt devot hinter die menschliche Aussage der Musik zurück und wird so der Partitur derart gerecht, wie man es selten hört.
Zu den Sinfonien im Einzelnen lässt sich sagen, dass der Dirigent die ersten beiden Genrebeiträge vom romantischen Zuckerguss befreit, der sie nur allzu oft netzt. Das kommt ihnen entgegen: Selten habe ich diese beiden Sinfonien derart zwingend und berührend gehört. Man höre sich nur das Larghetto der zweiten Sinfonie an, das so viele neue Klangfarben offenbart, die man wohl nie erahnt hätte.
Die dritte Sinfonie liegt - genau wie die erste und die fünfte - als Liveaufnahme vor. Gardiner wagt es, im ersten Satz wirklich "Allegro con brio" zu spielen, wie es Beethoven fordert. Und siehe da: Es geht nichts vom Heroischen, Heldenhaften verloren, das diese Sinfonie so berühmt machte. Auch der Trauermarsch ist packend und gut durchhörbar.
Die Deutung der vierten Sinfonie braucht sich nicht hinter der Konkurrenz zu verstecken, im Gegenteil: Gardiner versieht dieses feurige Stück mit viel Wärme und Lyrik, ohne dabei den Esprit der Komposition zum Erlahmen zu bringen.
Die Fünfte lässt er schnell spielen, besonders den weltbekannten ersten Satz. Hier kommt ihm aber wieder seine haarscharfe Akzentuierung zugute; denn anders als bei Norrington und Zinman, bei denen das berühmte Tam - Tam - Tam - Taaam nur noch ein verkrampftes, degeneriertes und unscharfes Zucken des Orchesters ist, ist hier jede Nuance, jede Note deutlich hörbar. Überhaupt kann es Gardiners Interpretation ohne Mühe mit der berühmten Kleiber Einspielung aufnehmen: Das mysteriöse Scherzo und das strahlende Finale sprechen für sich.
Besonders transparent und authentisch wirkt die Pastorale. Bei der Einspielung dieser lyrischen Sinfonie lässt sich Gardiner überraschend viel Zeit, was allerdings der Homogenität des gesamten Zyklus keinen Abbruch tut. Der Gesamteindruck der Sinfonie ist stimmig, natürlich und schwelgerisch. Eine herrliche Sechste!
Gardiners zur Perfektion gediehene historische Aufführungsweise macht die rhythmische Siebte zu einem Spektakel der Extraklasse. Wenn man sich das Finale anhört, kann man durchaus nachvollziehen, weshalb Richard Wagner diese Sinfonie die "Apotheose des Tanzes" nannte.
Der "Gruß an Haydn", die achte Sinfonie, gelingt Gardiner einwandfrei. Er erfasst den nostalgischen Habitus des Werkes haargenau, wandelt Beethovens Partitur akribisch zu einem mitreißenden Feuerwerk der guten Laune um.
Vielen Dirigenten, die eine gehende Herangehensweise an die Sinfonien des Meisters bevorzugen, misslingt die Neunte, da der erste Satz schnell lächerlich und das Finale schnell zerrissen wirken kann. Nicht so bei Gardiner, der durch seine harten Betonungen im ersten Satz das Schicksal auf den Hörer hereinbrechen lässt. Das Scherzo ist perfekt. Auch aus dem himmlischen Adagio holt der Dirigent das Maximum heraus. Besonderes Lob gebührt hier dem herausragend spielenden Orchester, das jede Facette erfasst. Das Finale mag vielleicht nicht bombastisch erscheinen; rührend, packend und heilsam ist es aber dennoch, was zum großen Teil auch dem grandios singenden Monteverdi Choir und den vier fantastischen Gesangssolisten zu danken ist.
Fazit: Wer eine glatte, pompöse und majestätische Einspielung dieser viel gespielten Werke sucht, dürfte mit dem Kauf dieser Box unzufrieden, vielleicht sogar überfordert sein. Wer Beethoven aber authentisch hören möchte und auch nicht auf die teils schroffen, kantigen und spröden Elemente seiner Sinfonien verzichten möchte, der wird sich von dieser Box kaum noch lösen können.