Herbert von Karajan hat sich zeitlebens sehr intensiv mit dem symphonischen Werk von Johannes Brahms auseinandergesetzt. Davon geben allein schon drei Symphonien-Zyklen mit seinem Hausorchester, den Berliner Philharmonikern, eindrucksvolles Zeugnis. Der ersten Komplett-Einspielung von 1963 folgten Remakes in den Jahren 1977/78 und 1985/86, letztere in DDD-Qualität.
Eine zwingende Notwendigkeit dazu bestand eigentlich nicht, denn die Aufnahmen unterscheiden sich interpretatorisch nur wenig voneinander, die Klangtechnik steigerte sich zwar von Mal zu Mal, vor allem im Dynamikbereich, aber insgesamt kann von einem spektakulären Fortschritt auch hier nicht gesprochen werden.
Trotzdem ist das vorliegende Album mir lieb und teuer. Die Symphonien Nr. 1-3 sind Karajans letztem digitalen Zyklus entnommen, während die Vierte aus der Serie von 1977/78 stammt. Es sind allesamt hervorragende Alternativen zu den Aufnahmen von Otto Klemperer oder Claudio Abbado, auch zu den schwelgerischen Aufzeichnungen von Sir John Barbirolli mit den Wiener Philharmonikern oder den strengeren mit Sir Georg Solti. Gipfelpunkt ist für mich Karajans Deutung der Zweiten: Hier können die Berliner Philharmoniker "aus dem Vollen" schöpfen, selten hat man solch ein exquisites Spiel der Blechinstrumente gehört, die Holzbläser glänzen mit ihrem warmen, leuchtenden Ton, und das exakte, minutiöse Zusammenspiel der Streichergruppen ist schlicht phänomenal. Eine solche Orchesterkultur auf allerhöchstem Niveau, wo kann man sie heute noch bestaunen? Eine weitere Glanzleistung ist die Erste mit ihren vor Spannung berstenden Übergängen. Dieses Werk war ohnehin eines von Karajans Lieblingsstücken, er hatte es schon einmal 1943 in Amsterdam, also mitten im Krieg, und dann 1953 mit dem Philharmonia Orchestra London (EMI) und wieder 1959 mit den Wiener Philharmonikern (Decca) aufgenommen. Auch diese Aufnahmen gehören in jede gute Klassik-Sammlung, besonders die Wiener Produktion zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Leuchtkraft aus. Die 3. und 4. Symphonie in der hier besprochenen Fassung bewegen sich ebenfalls auf hohem Niveau, im Falle der Vierten würde ich höchstens Klemperer oder Carlos Kleiber vorziehen.
Die Klangqualität ist, wie bereits gesagt, aufgrund der unterschiedlichen Aufnahmedaten nicht ganz einheitlich, aber einwandfrei und läßt keine Wünsche offen. Warum man im Falle der 4. Symphonie auf die ältere Version von 1978 zurückgegriffen hat, ist schwer verständlich und wird auch im Beiheft nicht erklärt. Die Präsentation hätte ohnehin etwas üppiger ausfallen können, aber der moderate Preis des 2 CD-Albums wiegt das wieder auf.