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Voltaire, eigentlich François Marie Arouet (1694-1778) war einer der einflussreichsten Autoren der europäischen Aufklärung. In Frankreich nennt man das 18. Jahrhundert deshalb auch >das Jahrhundert Voltaires< (le siècle de Voltaire). Mit seiner Kritik an den Missständen des Absolutismus und der Feudalherrschaft sowie auch am Deutungs- und Machtmonopol der katholischen Kirche war er einer der wichtigsten Wegbereiter der Französischen Revolution. Seine Waffen im Kampf gegen seine Gegner waren ein präziser und allgemein verständlicher Stil sowie Sarkasmus und Ironie.
Dieses vorliegende Werk sämtlicher Romane und Erzählungen ist eine wahre Fundgrube, ein Steinbruch Voltairescher Gedanken, die sich aus den Tiefen jeder Erzählung, jeder Kurzgeschichte, jeden Romans herausholen lassen. Victor Klemperer leitet ein, eine Lobeshymne an den in England Verweilenden, der quasi an den fulminanten Ehrungen nach dem Wiedereintritt in die Pariser Hemmnissphäre erstickt ist. Zerstörer und Bewunderer des Königtums, bester Literat im Schreiben wie im Interpretieren vergangener Werke, Gegenspieler Rousseaus, allein schon dort deutlich, wo Voltaire Glauben und Zweifel zuließ, den Deismus prägte, Komödien mochte und spielte, jedoch niemals Komödiant wurde. Klemperer bezeichnet ihn als Epigonen, wenn er sich an Strukturen der Dramen Großer wie Racine orientierte, aber meines Erachtens nie auf dem Niveau eines Hesses, der ja nicht scheute, Bemerkungen anderer umformuliert sein Eigen zu nennen. Voltaire fand Vorbilder in griechischen Antike, befand den noblen Stil französischer Autoren für höchst angemessen, liebte ebenso das Schöne wie die Könige, doch ebenso und vielleicht sogar mehr: die Vernunft. Ob als Berater in Potsdam, als Bestaunender von Schwetzingen, er war ein kritischer Schöngeist.
Dieses Buch vereinigt die Sichten als Aufklärungsphilosophie. Ob in dem "Mann mit den Vierzig Talern" jeder Gesellschaftsteil seine Hinterfragungen als gerechtfertigt überprüfen kann, wie die Frage, ob Persepolis zu überleben hat, zu beantworten ist oder ob die beste aller möglichen Welten tatsächlich existiert oder nur einer utopistischen Monade entspringt: nur praktische Vernunft nennt Voltaire sein Eigen. Die Leibniz Kritik im "Candide" (siehe separate Rezension) ist eine Geheimwaffe, erst nicht beachtet, dann in Aufsehen erregender Schnelligkeit und Menge verkauft. Die lesende Bevölkerung Frankreichs erlebte die Lutherische Bibelübersetzung nochmals. Voltaire kennt keine Raum-Zeit Komponenten in seinem Werken, allein der Inhalt ist entscheidend, vor allem die dahinterliegende Botschaft, die beißende Kritik, die feine Ironie, der blamierende Sarkasmus.
Da wo ihm hehre Vernunft unterstellt wird, ist er doch auch dem Sinnlichen ebenso zugetan ist. Wie Platons ist auch sein "Memnon oder die menschliche Weisheit" nicht allein Weisheit im Sinne der Vernunft, denn auch er beschreibt die Sinne als feindliche Herrinnen. Sein Memnon entgleist auf diesem Terrain und bringt sich aus Leidenschaft um seine Stellung. Vorbild für Grillparzer ist sein Weiß-Schwarz-Gemälde der Sprache als orientalisches Abenteuermärchen.
Zum Schluss möchte ich nicht wie im "Indischen Abenteuer" dem Pythagoras mein Leid klagen ob der sich zerfressenden Gesellschaften, die sich zwar den Scheiterhaufen der Inquisition erspart aber im globalen Zeitalter sich andere Möglichkeiten geschaffen haben. So wie er Pythagoras Toleranz predigen lässt, so steht für ihn Toleranz über allem. "Rette sich wer kann" sein Credo, wenn Toleranz und Humanität nicht siegt.
Lese wer kann, mein Credo für beste Literatur und zum Verständnis des Weltgeistes im 18. Jahrhundert, prägend bis in die heutige Zeit.
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