Zu Hans Christian Andersen, der ja auch Romane geschrieben hat, sagte einmal ein Zeitgenosse: "Ihre Romane haben Sie berühmt gemacht, Ihre Märchen aber werden Sie unsterblich machen." Als ich das las, kamen mir die Tränen. Der arme Häuslersohn aus Odense auf Fünen, der 1819 mit 14 Jahren mit etwas mehr als nichts in der Tasche nach Kopenhagen kam, ist heute der berühmteste Däne auf der ganzen Welt. Und nicht weil er Schlachten geschlagen hat, sondern weil er die Herzen (und Hirne!) der Menschen mit seinen Märchen eroberte. An sein Geburtshaus in einem damals ärmlichen Odenser Viertel (die Encyclopaedia Britannica schreibt prosaisch "Andersen was born in a slum") ist heute ein liebevoll und intelligent eingerichtetes Museum angeschlossen, wo Sie Besucher aus aller Herren Länder antreffen. Und wenn Sie in der dänischen Hauptstadt dem schönen Assistens-Friedhof im Stadtteil Nørrebro einen Besuch abstatten, so werden Sie auf Andersens Grab stets frische Blumen finden. Mancher kommt von weit her und erweist hier dem Dichter seine Referenz. Ich gestehe es: auch ich bin ein großer Verehrer des Dänen. Als ich einmal auf dem Kopenhagener Rathausplatz stand, - eine imposante Anlage ist das, wie es sich für eine Weltstadt gehört, auf den stattlichen Häusern brennen bunte Leuchtreklamen und der mehrspurige Verkehr braust unablässig vorbei, - da ging mir in all dem Trubel das Herz auf, als ich das Straßenschild las: denn die größte und wichtigste Straße in der Hauptstadt ist nicht nach einem König oder Feldherrn, sondern nach Hans Christian Andersen benannt, und besonders freute es mich, dass er, anders als viele andere einsame Geniale, von seinem Ruhm noch zu Lebzeiten kosten konnte.
Nun, und eben das verdankt er und verdanken wir seinen Märchen. Es liegt in ihnen Witz, Weisheit und ein Zauber, der - was der kluge Verfasser wusste und bekanntermaßen auch aussprach - nicht nur die kleinen Leser und Zuhörer in ihren Bann zieht. Es handelt sich im wahrsten Sinne des Wortes um Weltliteratur: Zeit und Raum werden vor ihr gleichgültig. Ein Phänomen wie das von des Kaisers neuen Kleidern, den verstörenden Reiz einer bittersüßen Liebe, wie er die Kleine Meerfrau (wir Deutschen haben eine Meer"jung"frau daraus gemacht) überströmt, den Ausstieg aus der Kausalität der sogenannten Vernünftigen, für die es auf dem Entenhof nur Enten gibt, bis aus dem hässlichsten der Küken ein Schwan wird --- solche Erfahrungen sind keine, die auf das Dänemark des Goldenen Zeitalters beschränkt wären. Sie sind universell, und Andersen schuf die universellen Bilder dafür.
Die hier besprochene Ausgabe ist vollständig. Sie enthält alle Märchen Andersens in zwei Teilen mit jeweils neuer Seitenzählung in einem Band. Die Übersetzung aus dem Dänischen ist von Thyra Dohrenburg; ich habe das eine und andere Märchen von Andersen auch schon in Übersetzungen von anderer Hand gelesen und auf CD gehört; nach meinem persönlichen Urteil ist die Übertragung von Frau Dohrenburg aber die beste. Die Atmosphäre des 19. Jahrhunderts, in der die Texte entstanden, kommt meines Erachtens authentisch beim Leser an; Modernismen und gefällige Verdünnung des Leseflusses fehlen. Eher müsste man sagen, dass Eltern, die ihre Kinder an Andersens Märchen heranführen, ihnen manchen in dieser Ausgabe bewahrten altertümlichen Ausdruck erläutern müssen. Es stimmt natürlich, dass alles arg klein gedruckt ist. Aber das Buch ist sehr preiswert. Und eins kommt noch dazu: zu vielen Märchen sind in diesem Buch kleine Schwarz-weiß-Zeichnungen von Pedersen und Frølich abgedruckt. Nun haben ja etliche bekannte und weniger bekannte Künstler sich schon an der Illustration von Andersens Märchen versucht, bis hin zu Günter Grass. Die schlichten Zeichnungen von Pedersen und Frølich gefallen mir aber sehr gut. Sie sind liebevoll gemacht und stehen im rechten Verhältnis zum Text, indem sie ihm nämlich dienen.