Ja, diese Veröffentlichung ist die einzige (bezahlbare) Ausgabe*, die wirklich zitiert werden kann und den wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Ja, sie ist materialtechnisch (Aufmachung) gesehen vollkommen okay. Nein, sie ist keine 5 Sterne wert, denn ich habe mich mit dieser Ausgabe aus folgenden Gründen nie vollständig anfreunden können:
(1) Es gibt kein Sachregister, sondern lediglich ein Personen- und Ortsregister. Das gezielte Suchen nach Begriffen ist mit dieser Ausgabe vollkommen unmöglich. Wer so eine Suchmöglichkeit haben will, braucht daher entweder eine Nietzsche-CD oder die Schlechta-Ausgabe samt Index (Ich habe beides als Ergänzung!). Nachtrag: Es gibt natürlich noch die Seite nietzschesource.org, aber ich möchte nicht jedes Mal zum Suchen auf eine lahme, unkomfortable Internetpräsenz gehen müssen, wenn ich nur eine Stelle im Werk suche.
(2) Es gibt keine - absolut keine - Übersetzungen der zahlreichen fremdsprachigen Passagen. Entweder man beherrscht Lateinisch, Griechisch, Französisch, ... oder man muss mühevoll selbst übersetzen. Bei Schopenhauer ist man hier deutlich leserfreundlicher.
(3) Es fehlen die Jugend- und Studienschriften Nietzsches. Die hier angebotene 15-bändige Ausgabe enthält also nicht alle schriftlichen Äußerungen Nietzsches, wenn man die Briefe usw. weglässt. Es fehlen besonders die hochinteressanten biographischen Entwürfe. Der Kauf der 5-bändigen Ausgabe der frühen Schriften wird somit nicht überflüssig.
(4) Auch auf eine Bibliographie mit weiterführender Literatur wurde verzichtet. Karl Schlechta hatte sich diese Mühe damals noch gemacht.
Ob diese Punkte als störend empfunden werden, ist am Ende eine Frage, die sich jeder selbst beantworten muss, aber für Nietzsche-Einsteiger sind die warnenden Worte hoffentlich hilfreich, denn einsteigerfreundlich ist diese Ausgabe in keiner Hinsicht.
Nachtrag 2: Ich möchte nun doch, etwas widerwillig, noch etwas zur hilfreichsten positiven Rezension sagen. Ich bitte darum, es nicht persönlich zu nehmen. Davon, dass "es [die Herausgeber] in hervorragender Art und Weise [verstehen,] die Texte dem Leser sowohl näher zu bringen als auch sie kritisch zu erläutern", kann überhaupt nicht gesprochen werden. Wer sich diese Ausgabe zulegt, erhält folgende 'Extras': Band 15 enthält eine umfangreiche, wirklich lesenswerte Chronik zu Nietzsches Leben. Man erfährt etwas über den Philosophen Nietzsche, aber zum Textverständnis ist dadurch herzlich wenig beigetragen, wenn man psychologisierende Werkinterpretationen mal ignoriert. Die anderen Bände enthalten jeweils ein Nachwort. Zwei Beispiele: Band 6 enthält die Schriften 'Der Fall Wagner', 'Götzen-Dämmerung', 'Der Antichrist', 'Ecce homo', 'Dionysos-Dithyramben' und 'Nietzsche contra Wagner'. Man kann also sagen, dass es dieser Band wirklich in sich hat. Für diese komplexen Stoffe bekommt der Leser 10 (!) Seiten Erläuterungen in Form des Nachwortes. Das Nachwort des dicken 13. Bandes (Nachlass) hat einen Umfang von 18 Seiten. Hier werden wirklich nur die gröbsten Grundzüge skizziert. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass 10 Seiten Nachwort 6 Schriften kaum näherbringen oder kritisch erläutern können. Auch der 14. Band, der Kommentare enthält, liefert keine Erläuterungen, sondern informiert primär über Philologisches. Lediglich vereinzelte Querverweise dürften den Einstieg etwas erleichtern. - So sehr man die Euphorie verstehen kann, eine große Nietzsche-Kassette bekommen zu haben, - es sollte wirklich nicht davon ablenken, dass die Studienausgabe den Leser ins beinahe kalte Wasser wirft. Kurz und direkt: Es gibt lesenswerte Kurzeinführungen, aber der Leser wird am Ende doch mit Nietzsche allein gelassen. Um die Sekundärliteratur kommt niemand herum. Und mit dieser Ausgabe schon gar nicht.
* Es gibt natürlich noch die KGW von Colli/Montinari.