Es ist noch immer eine Großtat, alle 32 Klaviersonaten Ludwig van Beethovens einzuspielen, nicht nur, weil das Corpus derart umfangreich ist, sondern auch weil es unglaublich schwierig ist, alle Sonaten durchgehend homogen zu interpretieren. Alfred Brendel zählt ohne Frage zu den größten Pianisten unserer Zeit. Die vorliegende Gesamtaufnahme entstand von 1992 bis 1996 im Rahmen von Konzerttourneen an verschiedenen Orten in ganz Europa. Die Sonaten fünf und sechs liegen gar als Konzertmitschnitte vor. Als kleinen Leckerbissen gibt's als Zusatz das berühmte "Andante favori" in F Dur WoO 57. Die Aufnahmequalität kann durchgehend - wie fast immer bei der Decca - als herausragend bezeichnet werden. Als ärgerlich empfinde ich nur die Verpackung der einzelnen CDs in billigen, anonymen Papierumschlägen.
Brendel hat immer viel Beethoven gespielt. Dieser letzte Zyklus kann also durchaus als Essenz seiner langjährigen Erfahrung mit dem beethovenschen Sonatenkosmos angesehen werden. Dessen wird man sogleich beim Hören der frühen Sonate gewahr: Brendel spielt mit dem nötigen Zug, lässt aber den langsamen Sätzen genügend Zeit, um sich zu entfalten. Er legt in eindrucksvoller Manier den Improvisationscharakter dieser frühen Meisterwerke offen. Man höre sich beispielsweise seine Deutung der c moll Sonate op. 10,1, die er appassioniert und voller Einfühlung darbietet!
Die "Mondschein" Sonate spielt Brendel sanft und schlicht, lädt sie nicht mit überflüssigem Pathos auf, und die wundervolle As Dur Sonate op. 26 habe ich noch nie wärmer und einfühlsamer gehört.
Die mittleren, hochvirtuosen Sonaten deutet Brendel fesselnd, packend und eigenwillig. Er betont bewusst den virtuosen Habitus dieser Kompositionen. Die "Waldstein" Sonate erstrahlt in selten gehörtem Glanz. Besonders den langsamen Satz dieses Stückes, der oftmals vernachlässigt wird, bringt er tiefsinnig zu Gehör.
Seine straffe Akzentuierung und seine differenzierte Nuancierung verhelfen ihm ebenso zu einer grandiosen Einspielung der berühmt berüchtigten "Appassionata". Auch den drei nachfolgenden, kleineren Sonaten nimmt sich Brendel mit derselben Akribie und Transparenz an, zeigt auf, dass auch diese vermeintlichen sonate facile ihren Reiz haben.
Den späten sechs Sonaten erweist sich der Österreicher ebenbürtig. Innerhalb der "Hammerklavier" Sonate erzeugt er den größtmöglichen Kontrast und bietet das Finale derart transparent dar, dass es sich in seiner Komplexität selbst einem Laien erschließen muss.
Besonders farbenreich fällt die wundervolle, göttliche Schlussfuge der As Dur Sonate op. 110 aus. Dem Leid, welches Beethoven hier auszudrücken trachtete, spürt Brendel auf den Grund und erforscht die verschiedensten Ausdrucksformen menschlichen Empfindens.
Natürlich kommt dem zupackenden Brendel die c moll Sonate op. 111 bestens entgegen. Er gliedert und ordnet sie, bringt die jazzartigen Ausbrüche in der Arietta trefflich zur Vollendung.
Fazit: Die Beethoven Dokumente Alfred Brendels werden wohl auf lange Bestand und Gültigkeit besitzen. Seine Darbietung ist einheitlich und zeitlos - ebenso wie die beethovenschen Sonaten...