"Gedichte sind Teiche des eigenen Abbilds, in die man sich versenkt."
Rene Char
"Gedichte lesen ist Meditation zu den eigenen Gefühlen."
Thomas DeQuincey
"Und jeder Baum ist gefangener in seinem Rauschen."
Gedichte sind Zeugnisse von Verbindungen zwischen uns, der Welt und der Zeit. Tomas Tranströmer, letztjähriger Literaturnobelpreisträger, gehört zu den Dichtern, die die Kunst der Metapher, der virtuosen Bescheidenheit und der poetischen Annäherung beherrschen wie eine Gabe. Fast jedes seiner Gedichte ist ein Innehalten in Zeit und Raum, ein Moment, gerader als das Leben, aber dessen Krümmung einfangend.
"In den ersten Stunden des Tages kann das Bewusstsein die Welt umfassen
wie die Hand einen sonnenwarmen Stein ergreift."
"Ein Junimorgen: zum Aufwachen zu früh,
doch zu spät zum Weiterschlafen.
Ich muss ins Grüne hinaus; es ist übervoll
von Erinnerungen und sie folgen mir mit dem Blick.
Zu sehen sind sie nicht, sie verschmelzen
mit dem Hintergrund, perfekte Chamäleons.
Sie sind so nah, dass ich sie atmen hören,
obwohl der Vogelgesang betäubend ist."
Ich muss gestehen, dass ich überwältigt bin von der Schönheit und Tiefe dieses Werkes. Man kann kaum eines der Gedichte lesen, ohne es sofort als das Beste zu küren, um schon im nächsten wieder einem neuen Gedanken, einem neuen Bild zu folgen.
"Und die Nacht strömt
von Osten nach Westen
mit Mondgeschwindigkeit."
"(Die Erneuerung ist der Zusammenhang von Kräften,
rätselhafter als die Wanderung des Aals.
Unsichtbarer Baum in Blüte. Und wie
eine Kegelrobbe in ihrem Unterwasserschlaf
zur Wasserfläche hinaufgeht, einmal Atem holt
und ' noch immer schlafend ' zum Grund hinabtaucht,
so hat jetzt der Schlummer in mir sich heimlich
mit dem vereinigt und ist zurückgekehrt,
während ich mit dem Blick auf anderes geheftet dastand.)"
Ich empfehle Tranströmer uneingeschränkt jedem, der Lyrik liebt, jedem der die wunderbarsten Bilder dieses Buches noch für sich entdecken will und jedem, der Gedichte nicht für leer hält, sondern bloß für offen:
"Es tut weh, durch Wände zu gehen, man wird davon krank,
aber es muss sein.
Die Welt ist eins. Aber Wände...
Und die Wand ist ein Teil von dir selbst -
man weiß es oder weiß es nicht, doch es gilt für alle,
nur für kleine Kinder nicht. Für sie keine Wand.
Der helle Himmel hat sich schräg zur Wand gestellt.
Es ist wie ein Gebet zur Leere.
Und die Leere kehrt uns ihr Gesicht zu
und flüstert:
'Ich bin nicht leer, ich bin offen.'"
So ist ein Gedicht, "das Gedicht, dass völlig möglich ist".
Nachtrag: Fast alle Gedichtbände von Tranströmer ins hier enthalten, allerdings nicht
Das große Rätsel, die
Jugendgedichte und (meinen Informationen nach) auch
Formeln der Reise, wobei es sein kann, das dies nur andere Übertragungen sind.