"Ihre Gedichte gehen von Bildern aus oder laufen auf Bilder zu, ihre Verse sind voll Farbe, voll Licht und Schatten, Blitz und Donner. Sie erinnern uns daran, dass es auch in unserer modernen Welt Phänomene gibt (und zwar keineswegs periphere), die sich nur auf dem Weg über die Lyrik erschließen lassen", schreibt Reich Ranicki.
Die Künstlerin Sarah Kirsch, wurde 1935 unter dem Namen Ingrid Bernstein in einem kleinen Ort am südlichen Harzrand geboren. Früh wurde ihr Interesse an der Natur geweckt. Der Lehre als Forstarbeiterin folgte das Studium der Biologie. Gemeinsam mit ihrem Mann, Rainer Kirsch, verfasste sie Kinderbücher. Nach dem Studium der Literatur in Leipzig arbeitete sie als freie Schriftstellerin, Journalistin und Übersetzerin in der DDR. Sie trennte sich von ihrem Mann. Mit der Unterzeichnung des Protestbriefes gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns wurde ihrer Ausweisung aus der DDR unausweichlich.
Reich-Ranicki bezeichnet Sarah Kirschs Gedichte als Selbstgespräche; Schreiben als Therapie. Sie verarbeitet Hoffnung und Enttäuschung, Liebe und Trennungsschmerz. Himmelhohes Jauchzen und zu Tode betrübt sein wechseln sich ab, doch die melancholischen, traurigen Gedanken überwiegen ("Ach wie unglücklich wir alle sind"). Doch Sarah Kirsch denkt nicht ans Aufgeben; sie bezeichnet sich als Tiger ("ich hau ... ich brülle ... ich fauche"), wenn auch als traurigen, nassen Tiger.
Winter und Schnee
Ein häufig wiederkehrende Motiv in Sarah Kirschs Gedichten sind verschneite, frostige Wintertage.
Das ,Schneelied' klingt wie ein vertrautes Kinderlied, das die Mutter vor dem Einschlafen singt. Märchenhafte Züge trägt das Gedicht ,Schneeweißer und Rosenrot' mit Namensanlehnung an die Gebrüder Grimm.
Sarah Kirsch schildert auch Wintertage mit Eisblumen am Fenster und glühenden Kohlen im Kamin, die ein Gefühl von Geborgenheit und Wärme vermitteln. Wie in dem Gedicht ,Schneewärme' fasziniert sie der Gegensatz zwischen winterlicher Kälte und wärmenden Feuer, zwischen Tod und Leben - hier als Blut stilisiert.
"Der Westwind hat die Schneedecke
Fortgezogen das grüne Gewand
Leuchtet hervor den Bäumen
Blies er Lava unter die Rinde."
Wenn die Tage länger werden, die Natur erwacht, "wenn die Verzauberung nachlässt der Frost eine Pause macht", wenn "unter der Sonne die letzten Patronen des Winters" Lebewohl sagen, dann verzaubert der Frühling nicht nur die Natur, sondern auch die Herzen der Dichter.
Sonne und Regen
Ähnlich wie Albert Camus beschreibt Sarah Kirsch die Gegensätzlichkeit unseres Zentralgestirns. Die Sonne ist Lebensspenderin, bringt Pflanzen zum Blühen und mit ihren "leidenschaftlichen Pfeilen" gibt sie Wärme und Geborgenheit. Anders die "Backofenglut endloser Tage", die alles Leben zum Stillstand bringt, alles verbrennt und zerstört. "Geh unter schöne Sonne", ruft ihr die Dichterin zu: "stirb weniger kunstvoll".
Regentage drücken Sarah Kirschs Stimmung:
"Grau bin ich jetzt grauer Regen".
Und in einem anderen Gedicht:
"Ich brülle am Alex den Regen scharf an
...
Es regnet den siebten Tag
Da bin ich bös bis in die Wimpern"
Sie bewundert die Vögel, die gegen den Regen ankämpfen. "Die Vögel singen im Regen am schönsten".
Tiermetaphorik
Unter allen Tieren nimmt die Katze in den Gedichten Sarah Kirschs einen besonderen Platz ein. Gleich ein ganzer Gedichtband trägt den Titel des Lieblingstieres. Was fasziniert die Lyrikerin an den Tieren? Im Gedicht ,Katzenleben' verrät sie uns:
"Aber die Dichter lieben die Katzen
Die nicht kontrollierbaren sanften
Freien die den Novemberregen
Auf seidenen Sesseln oder in Lumpen
Verschlafen verträumen stumm
Antwort geben sich schütteln
..."
Die domestizierte Katze hat sich ihre Selbständigkeit bewahrt.
Farbmetaphorik
Aus der Farbpalette der Dichterin stechen zwei hervor: weiß und rot.
In vielen Gedichten wird der weiße Schnee beschrieben, in einem anderen der "Milchsuppenhimmel". Kontrastierend hierzu das Gedicht Der Schnee liegt schwarz in meiner Stadt" mit Anlehnung an Paul Celans Gedicht "Schwarze Milch".
Für die Farbe rot findet Sarah Kirsch immer wieder neue Vergleiche und Nuancierungen: rote Flammen, feuerrot, roter Hauch, roter Vorhang, Purpurfahnen, rote Treppen, rot das Laub, rote Früchte, rote Füchsin, lackrot, fuchsrot, rotblumig, Abendrot.
Schloß Wiepersdorf
Auf Schloß Wiepersdorf, dem Wohnsitz der Dichterfamilie Achim und Bettina von Arnim, entstand ein ganzer Gedichtezyklus. In der abgeschiedenen Welt des "volkseigenen Schlosses", jenseits der Stadt mit ihren Hochhäusern genießt die Dichterin die Ruhe und Entspannung. Beim Flanieren durch den Park, vorbei an versteinerten Zwergen, arm- und kopflosen, marmornen Götterstatuen, vorbei an Schlossteich und Irrgarten findet sie Zeit, über sich und ihr Leben nachzudenken. Es gelang ihr nicht "Apollon zu fassen"; sie hat nur sich und ihren Knaben.
Sarah Kirsch fühlt sich zurückversetzt in die Zeit der Könige und Puderperücken. Sie spricht mit der Schlossbesitzerin, nennt sie vertraut beim Vornamen:
"... Bettina, es ist
Alles beim alten. Immer
Sind wir allein, wenn wir den Königen schreiben
Denen des Herzens und jenen
Des Staats."
Gesellschaftskritik
In einem anderen Gedicht träumt sie davon, den König zu töten "und wieder frei sein ... Doch die Freiheit wollte nicht groß werden." Nach ihrer Ausweisung aus der DDR trauert sie dem "kleinen Land" nach, das sie bei "Nacht und Nebel" verlassen musste, aber sie resigniert nicht: "Ich gedenke nicht am Heimweh zu sterben. Unauslöschlich hab ich die Bilder (der Heimat) im Kopf". Obwohl die Dichterin die neu gewonnene Gedankenfreiheit schätzt, spart sie nicht mit Kritik an der schönen neuen Welt in der das Geld regiert und "brutal definiert wer zahlen kann zählt". Konformismus kann man Sarah Kirsch nicht vorwerfen.
Resümee: In Sarah Kirschs Gedichten spiegelt sich die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen wieder, wenn auch der elegische Weltschmerz überwiegt. Ermutigend ist, wie die Dichterin - nach dem Vorbild der sich erneuernden Natur - immer wieder Kraft schöpft.