"Ich bin ein Strom,
mit Wellen, die Ufer suchen.
[...]
Ich bin satt von der Zeit
und hungere nach ihr.
[...]
Tief im Grund verlang ich immer
alles restlos zu erzählen,
in Akkorden auszuwählen,
was an Klängen mich umspielt.
[...]
Ich weiß die Welt näher und still."
Die besten Dichter lassen uns ständig auf- und untertauchen. Sie heben uns zur Sonne ihrer größten Gedanken und werfen uns in die Wasser der tiefsten Empfindungen. In den besten Gedichten, so finde ich, wandelt sich die Stimmung mindestens zwei-drei Mal. Zumindest in den besten Gedichten von Ingeborg Bachmann.
"Die Axt der Nacht fällt in das morsche Licht."
Ingeborg Bachmann, die früh verstorbene Sinngestalt der Nachkriegspoesie, gehört trotz ihres recht schmalen Werks zu den größte lyrischen Talenten des 20. Jahrhunderts. Wenn Rilke mit seiner Stille und seinem Kreisen ganz am linken Rand eines Spektrums stünde, so stände sie, zusammen mit Paul Celan und Gottfried Benn, wohl am entgegengesetzten Ende. Allerdings: Wo Benn blutet und vordringt, wo Celan die Welt in Grund und Boden ruft - da weint sie, harrend in ihrem eigenen, übermächtigen Sturm.
"Ich bin mit Gott und seiner Welt zerfallen,
Und habe selbst im Knien nie gefühlt,
dass es den Demutfrieden gibt,
den alle anderen sich so leicht erdienen."
Bachmann ist, mehr noch als die meisten Expressionisten, in ihren besten Texten eine Formerin von Dichtung in Bildern.
Wer gerne einmal kurz in der Brandung, dem wahren Sturm ihrer Worte stehen will:
"In die Muscheln blasend, gleiten die Ungeheuer des Meers
auf die Rücken der Wellen, sie reiten und schlagen
mit blanken Säbeln die Tage in Stücke, eine rote Spur
bleibt im Wasser, da legt sich der Schlaf hin,
auf den Rest deiner Stunden,
und dir schwinden die Sinne."
Doch ist Bachmann trotz ihrer beiden Hauptthemen Verzweiflung und Ungewissheit, eine der poetischsten Lyrikerinnen überhaupt. Im Prinzip greift sie darin sogar noch etwas in der Tradition zurück, auf Else Lasker-Schüler zum Beispiel. Abwechselnd ist sie prägnant und dann wieder zwischen den Dingen; es ist, als würde sie in ihren eigenen Worten wildern und doch teilt sie ununterbrochen mit, wobei sie weder abstrakt noch klar ist, sondern einfach poetisch; manchmal reimt sie, manchmal nicht; es ist schwierig eine überflüssige Zeile zu finden.
Wie bei Vielen, sind ihre Thematik und ihr Erfolg natürlich auch von der Zeit bestimmt. Ihre beiden Gedichtbände erschienen 1953 (Gestundete Zeit) und 1956 (Anrufung des großen Bären), also nicht sehr lange nach dem Krieg, in der diese vage ausholende Dichtung den Zeitgeist traf. Dennoch läge man völlig falsch, wollte man ihre Lyrik als ausschließlich historischrelevant einsortieren. Bachmann wurde vielleicht -auch- berühmt, weil sie in ihren Gedichte Zeilen niederschrieb wie:
"Wo Deutschlands Himmel die Erde schwärzt,
sucht ein enthaupteter Engel ein Grab für den Hass
und reicht dir die Schüssel des Herzens."
aber der größte Teil ihrer Verse ist von unglaublicher Universalität (sie müsste keine deutsche Dichterin sein); von der Universalität einer Welt, gefangen in einem einzigen dunklen Wesen.
"In der Dämonen Gelächter gebrannt,
bodenlos, sind die Schalen
dieses glücklosen Lebens,
das bis zum Rand uns bedenkt."
-Gedichte-, schrieb De Quincey auf einer der Seiten seiner 14 Bände, -sind Privatvergnügen. Kaum eines liest sich zweimal wie dasselbe, nur 2%-3% der Gedichte, die man gelesen hat, kann man sich entsinnen und liebt sie.- Und so werde auch ich von diesem gesamten Lyrikwerk vielleicht nur weniges im Genauen behalten. Aber was auf jeden Fall bleiben wird, als Ahnung, ist dieses ganz eigene Gefühl von Sturm... Sturm und Kälte, dann plötzlich rote Farben, dann ein Schemen von Nacht, dann Gedanken, dann plötzlich Stille. Ein Sturm, der einem ein bisschen Stille zu offenbaren versucht.
"So stoß ich zu dir und bringe die Schatten zum Klingen."
Bachmann ist, meiner Meinung nach, keine Dichterin, die man rundum verstehen kann, sondern vielmehr eine, die einem einige poetisch-erfüllte Stunden verschafft.
Lassen wir ihr das letzte Wort und diesen vier Zeilen, in denen sie uns Schicksal des Dichters lesen lässt:
"Vielleicht kann ich mich einmal erkennen,
eine Taube einen rollenden Stein...
Ein Wort nur fehlt! Wie soll ich mich nennen,
ohne in anderer Sprache zu sein."