Diese Gesamtausgabe der Gedichte von Hilde Domin hat die gewohnt gute Qualität der lyrischen Gesamtausgaben im S.Fischer Verlag, auch äußerlich mit Lesebändchen und in Leinen und in praktischer Manteltaschengröße. Natürlich stehen die eindringlichen, absolut lesenswerten Gedichte von Hilde Domin im Mittelpunkt. Aber die Herausgeberinnen, Nikola Herweg und Melanie Reinhold, sind ebenfalls zu loben, genau wie Ruth Klüger für ihr Nachwort.
Die Herausgeberinnen gehen chronologisch vor: zunächst stehen die Gedichtsammlungen nach Veröffentlichungsjahr. Dazu kommen Einzelveröffentlichungen. Ausgewählte Gedichte aus dem Nachlass runden die Sammlung ab. Wobei nicht alle Gelegenheitsarbeiten aufgenommen sind, sondern strenge Maßstäbe angelegt wurden. Schließlich hatte es seinen Grund, wenn Hilde Domin etwas nicht veröffentlicht hat.
Die gewissenhaften editorischen Notizen zu den Sammlungen und zu einzelnen Gedichten helfen beim Einordnen, eröffnen Verstehenshorizonte. Nützlich ist die Beigabe der alphabetischen Verzeichnisse der Gedichtanfänge und der Gedichttitel, so dass einmal Gelesenes oder Erinnertes gut aufgefunden werden kann. Sehr schön finde ich auch die Faksimiles von handschriftlichen Niederschriften je zu Anfang eines Abschnitts. Hilde Domins Schrift ist auch verkleinert ganz gut lesbar, so dass die kreativen Entstehungsprozesse exemplarisch nachvollzogen werden können. Sozusagen der Blick in die Werkstatt.
Anregend schließlich das schöne Nachwort von Ruth Klüger, der Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin. Empathisch führt sie ins tiefere Verstehen der Gedichte Hilde Domins ein, wohl mit auf dem Hintergrund ihres eigenen Schicksals (geboren in Wien, als Kind eines jüdischen Vaters verfolgt, KZ, Emigration in die USA, wo sie meines Wissens heute noch zumindest teilweise lebt).
Ruth Klüger schlägt den Bogen von den Exilsgedichten der früh (1932) Ausgewanderten wie:
Für uns, denen der Pfosten der Tür verbrannt ist,
an dem die Jahre der Kindheit
Zentimeter für Zentimeter
eingetragen waren.
Die wir keinen Baum
in unseren Garten pflanzten,
um den Stuhl
in seinen wachsenden Schatten zu stellen.
bis zur Hoffnung, zum letzten Vertrauen, das im Gedicht eher überzeuge als in der Prosa, wie Ruth Klüger meint,
"vielleicht weil das Gedicht einen träumerischen, keinen politischen oder realistischen Zustand beglaubigt, so sehr der erstere auch vom letzteren abhängen mag" - zum Beispiel:
Unsere Kissen sind naß
von den Tränen
verstörter Träume.
Aber wieder steigt
aus unseren leeren
hilflosen Händen
die Taube auf.
Gemeint ist hier natürlich die Taube Noahs aus der Geschichte der Arche im ersten Buch Mose als Metapher der Heimkehr nach der Katastrophe, nach der Heimatlosigkeit.
Welch Ausdruck steckt in so wenigen Worten!
Alles in allem ein würdiges Geschenk an die Autorin zu ihrem 100. Geburtstag!