Egal, wen man befragt, ob Karl Krauss, Gottfried Benn, Peter Hille -- ihre Zeitgenossen waren sich einig: Else Lasker-Schüler gehört zu den größten deutschen Lyrikerinnen überhaupt. Und sie haben recht. Sie steht abseits der Ismen, lässt sich in keine literarische Strömung einordnen, und das macht ihr Schaffen umso eindrucksvoller.
Else Lasker-Schülers Gedichte eröffnen dem Leser eine neue Welt, die sie mit ihrer Sprache erschafft. Oft prägen biblische und orientalische Motive ihre Lyrik, und genauso oft geht es um Liebe und Einsamkeit. Lasker-Schüler gleicht ihre poetischen Formen diesen Themen an, malt geradezu mit der Sprache; so wird z.B. die sengend heiße Wüste, die sie vor des Lesers Augen erstehen lässt, schon in der nächsten Zeile zum "gelben Fell", und die Metapher ist nicht gesucht, sondern gibt dem Schicksal von Hagar und Ismael ganz neue Bedeutung.
Aber nicht nur verknüpft sie orientalische Pracht mit unglaublichem Form- und Sprachgefühl. Nahezu jedes ihrer Gedichte fordert seinen Leser heraus, lockt ihn weg von der Sicherheit des Alltags und führt ihm stattdessen die Geheimnisse vor Augen, die nur derjenige erkennt, der sozusagen hinter die Sprache schaut und ausloten will, was sich alles mit ihr sagen lässt.
"Einfach so runterlesen" lassen sich diese Gedichte natürlich nicht; man sollte sich schon Zeit für sie nehmen. Es wird aber nicht lange dauern, bis man sich in ihrem Bann wiederfindet und in diese nie gekannten Welten abtaucht. Die Bilder, die Else Lasker-Schüler hier erschafft, lassen sich nie ganz erschließen und laden wegen ihrer faszinierenden und doch klaren Sprache dazu ein, sie immer wieder zur Hand zu nehmen.
Auch wenn Lasker-Schülers Gedichte keine ganz leichte Lektüre sind, und auch wenn man sich, vor allem in bezug auf die späteren Gedichte, schon ein klein wenig im Alten Testament auskennen sollte: Die Mühe lohnt sich, denn diese Gedichte gehören zum Schönsten, was je in deutscher Sprache geschrieben wurde.
Die Gliederung der vorliegenden Ausgabe orientiert sich an den Erstveröffentlichungen der Gedichte: Zunächst sind in chronologischer Reihenfolge die Gedichtbände "Styx", "Der siebente Tag", "Meine Wunder", "Hebräische Balladen" und "Mein blaues Klavier" abgedruckt, danach folgen jede Gedichte, die einzeln erschienen sind oder erst aus dem Nachlass veröffentlicht wurden. Der Anhang enthält neben einem Nachwort des Herausgebers noch die bibliographischen Nachweise der Gedichte und ein alphabetisches Gedichteverzeichis.
Schließlich ist auch die Ausstattung dieses Bandes der Autorin würdig; wie alle Bände der Suhrkamp-Lyrik-Reihe besticht er durch schönes Layout in leinengebundenem Dünndruck.