Auch wenn der Dichter heute nicht (mehr) zu den meistgelesenen gehört - es gibt nichts Packenderes und Besseres in deutscher Sprache. Eine Quelle immer neuer Anregungen. Und - man wird der Werke nicht müde. Meyer hat so lange an seinen elf Prosa- und drei Verskompositionen gearbeitet, daß kein überflüssiger Buchstabe dringeblieben und keine Chance zu interessanten, oft erst nach dem zehnten Lektüredurchgang klarwerdenden Querverbindungen verschenkt worden wäre. Zu allen zentralen Fragen jedes vom Durchschnitt etwas abweichenden, nachdenklichen Menschen enthält das Werk Essentielles: wie unsere Gemeinschaft funktioniert, wie die Machtapparate Staat und Kirche, wie das mit der Erotik tatsächlich läuft, Beschäftigung mit dem Tod, das Leben als Reise auf unsicherem Boden, aber als Quelle auch des prallsten ästhetischen Genusses. Der Mensch Meyer dachte bescheiden von sich, wenn er auch wußte, daß er innerhalb der Literatur eine intellektuelle Stellung erreichte wie sein Thomas Becket in der Novelle Der Heilige im Politischen.
Formal ging Meyer eigenste Wege. Seine Sammlung Gedichte ist wie ein Baum, bei dem jedes Blatt, jeder Ast miteinander kommunizieren, und regt, wenn man es erst einmal bemerkt hat, zu ausgreifenden philosophischen und psychologischen Überlegungen an. Seine Novellen behandeln bewegende Themen in artifizieller Vollendung und streifen nicht selten kühne Konstellationen von teilweise experimentalpsychologischem Charakter. Die oft unterschätzte letzte Novelle, Angela Borgia, streift diesbezüglich Genets Roman Querelle de Brest. Die Hochzeit des Mönchs, vielleicht die formal exquisiteste Leistung deutscher Prosa überhaupt, wimmelt von Abwandlungen einer bestimmten Schicksalsthematik, die Becket-Novelle Der Heilige und die dreiteilige Großnovelle Jürg Jenatsch führen komplexe Machtkonstellationen vor.
Entgegen landläufiger Annahme stellt der historische Gesichtspunkt bei Meyer keinen Hauptaspekt dar. Eher eine Tarnung. Bei aller Sorgfalt auch im Umgang mit historischem Detail. Man kann diese Einschätzung nachweisen, wenn man die - mit Recht von Meyer später nicht mehr als gültig angesehenen - Frühfassungen etwa der Gedichte mit deren endgültiger Gestalt vergleicht: in dieser ist in der Regel alles, was in den älteren Fassungen Historie nacherzählte, eliminiert. Der Akzent sitzt auf einzelnen Gesichtspunkten, die wie eine Perle an der Schnur einer Diskussion über anthropologische, politische, erotische Themen ausgetragen werden.
Die fehlerfreiste Ausgabe ist sicher die historisch-kritische des Benteli Verlages in Bern, von der es auch eine um den Anhang reduzierte Ausgabe in sieben Bänden gibt. (Sie enthält auch alle Rezensionen, Vorgängersammlungen der Gedichte und Nebentexte des Dichters.) Doch vermitteln auch einige handelsübliche Ausgaben, üblicherweise in zwei Bänden, ein weitgehend zuverlässiges Bild von den Werken letzter Hand.