"Vergangenes ist der Bücher Beute:
Doch hierin lebt ein ewig Heute."
Lyrik und Philosophie - wer will sie auseinander halten; gerade bei jenem einzigartigen Philosophen, der es auch gern mit dem Hammer tat. Dass Nietzsche (1844-1900) reduziert wird auf den "Zarathustra", auf seine ihm zugeschrieben Nähe zur braunen Vergangenheit, ist auf Ignoranz seiner ganzen Schaffenskraft zurückzuführen. Gerade dieser gilt es sich zu widmen in seinen frühen Werken, seinen Korrekturen, seinen Aphorismen und letztendlich den Gedichten. Denn wie sagte er selbst im Vorwort zur "Tragödie": "Manche werden erst posthum geboren."
Und so sind seine Gedanken von "Jenseits von Gut und Böse", seine Ideen vom hohen Mittag und der Zeit des hellsten Lichts, seine Vorstellungen von der ewigen Wiederkehr, die Gedanken zur Überwindung des letzten Menschen wie auch seine intime Sprache von Persönlichkeit zu Persönlichkeit, sein äußeres Erleben als Bestimmung des Inneren, eben alles was vielleicht zu widerlegen, jedoch nicht totzumachen ist - all dieses ist als Selbstbekenntnis in Prosa und Lyrik vereint. Aber gerade in der Lyrik findet sich die Schärfe der Gedanken auf engstem Raum.
"Lernt aus diesem Narrenbuche, / Wie Vernunft kommt - >> zur Vernunft <<!" Und so steigt man ein in eine philosophische Lyrik oder eine lyrische Philosophie. Die hier geltende Zusammenstellung der Gedichte ist entnommen aus den Werken, in denen die einzelnen Gedichte ihre wohl bedachte Zuordnung haben. Überhaupt ist Nietzsches Stil Gesang, seine musikalische Prosa des Zarathustras gilt als Beispiel. Die "Lieder des Prinzen Vogelfrei" sind dort wie hier von entsprechender Bedeutung. "Vogelfrei" - der homo sacer der Antike ist derjenige, der außerhalb des Gesetzes lebt. Ihn zu töten, ist kein Mord. Er gilt nichts und doch steckt etwas Heiliges darin, wie es die indische Paria beweist. Vogelfrei sind daher auch seine Lieder, losgelöst und doch ein Bindeglied zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Rolle und Originalität. Nietzsche verwendet seine Sprachmasken (Pfeifer) und verwischt mit der Methode Montaignes die Unterscheidung von Eigenem und Angeeignetem.
"Seit ich des Suchens müde ward, / Erlernte ich das Finden" war für Nietzsche Glück genug, zunächst - es folgte das Streben. Nietzsche als Wanderer ohne Ankunft, immer an den Grenzen, sei es in Portofino (dem letzten Hafen) oder "Nach neuen Meeren", da, wo ein klares "Dorthin" endet mit einem Gedankenstrich als Horizont. Und doch der Wille ("will ich"), bestärkt durch ein Selbstvertrauen ("und ich traue mich") ihn in das offene Meer, in das Blaue hinein zieht; in das Ungefähre, in die Unendlichkeit, in die Ewigkeit. Mit diesen Begriffen spielt Nietzsche, auch in der Morgenröthe, als seine Frage noch hieß: "Und wohin wollen wir denn?" Und die Antwort an anderer Stelle heißt: "Da, wo meine Musen wohnen!"
Nietzsche spielt mit Bildern. Seine Boten und Begleiter sind die Vögel. (Nietzsche kannte die antiken Schriften, insbesondere Antigone, Zwei Lerchen erinnern an Ikarus) Seine Aufbrüche zu neuen Ufern sind die Schiffe; er will über Särge Segel setzen, die Welt als Grab und doch ein immerwährender Aufbruch, "Auf die Schiffe, ihr Philosophen", so ein Aufruf des Würfelspielers des amor fati; "zu neuem Leben, neuem Spiel ..." Wie einst Hölderlin strebt auch Nietzsche mit dem "Adler seiner Hoffnung" in "Ein reines, neues Griechenland" und "Kein Schiff fand je ein schöner Ziel."
Nicht weiter, sondern höher soll sich der Mensch entwickeln. Während Nietzsche noch sitzt in "Portofino": "Hier sitz ich wartend - wartend? Doch auf nichts, / Jenseits von gut und böse, und des Lichts" als "Freund der Ewigkeit" wechselt er in "Sils Maria" Tempus, Orthographie und Punktion: "Hier saß ich, wartend, wartend, - doch auf Nichts, / Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts". Doch "Sils Maria" muss im Zusammenhang mit Lou von Salome gelesen werden. "Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei - / - Und Zarathustra gieng an mir vorbei ..." Der Leser lernt hier die Anzeichen der Trennung, der Aufgabe jeder Hoffnung auf Zweisamkeit und auch, dass Nietzsche sich nicht mit Zarathustra identifiziert. "gieng an mir vorbei ..." schreibt er mit drei Punkten, die das Offene seiner Gedanken auch hier zeigen.
Offen auch da, wo es um Colombo geht. Kolumbus auf dem Wege nach Indien, um Amerika zu finden. "Auf! Rausche Schiff hin durch die Flut / Nur Mut, nur Mut." Wie er sich zuredet für den Aufbruch zu neuen Meeren und sich Mut beherzt hinauswagt, ist gegensätzlich, wenn wir den Blick auf "Yorick - Columbus" werfen. "Freundin" (hier geht es um Lou) "traue keinem Genueser mehr! Immer starrt er in das Blaue - / Fernstes lockt ihn allzusehr!" Nietzsche in Selbsterkenntnis eines ewigen Wanderers, aber auch eines Narren, sich erinnernd an Yorick, den Pastor aus dem Weltbuch: "Tristram Shandy" von Laurence Sterne (Nietzsches Lieblingsbuch) und Sterne wiederum hat ihn aus Shakespeares Hamlet. Yorick, ein Narr, sowohl im Hamlet wie im Tristram, der aber weiß, dass die Welt aus den Fugen geraten ist und eine neue Weltdeutung ansteht. "Alles wird nun neu und neuer, / Weit hinaus glänzt Raum und Zeit -" schreibt Nietzsche und die Erinnerung Sternes (im II. Buch) an John Locke (Human Understanding), dass Zeit (Uhrzeit) und Dauer (Bewusstsein) zu unterscheiden sind, trifft nun hier zusammen: "Und das schönste Ungeheuer / Lacht mir zu: die Ewigkeit".
Nietzsche lebt in Prosa wie in Lyrik in einer Ambivalenz. "Wir haben das Land verlassen und sind an Schiff gegangen" lesen wir und an anderer Stelle schreibt er: "wir haben die Schiffe verbrannt, es bleibt nur übrig, tapfer zu sein". Das Hochgebirge des Zarathustras wird zum schillernden Licht des Meeres, die Mittage tauschen mit dem Abendlicht, Nietzsche befindet sich immer auf dem Seil, seine Gedanken werden zum Balanceakt, er taumelt zwischen Idee und Realität, zwischen Hell und Dunkel, er wechselt zwischen Zweifel (Verzweiflung) und Bestätigung, er erliegt seiner Stärke und er stärkt sich im Erliegen. Seine Suche nach dem heraklitschen Einem ist präsent, es nennt es so: "Die Hochzeit kam für Licht und Finsternis." Bleiben aber doch am Ende wirklich nur die "Trümmer von Sternen:"? "aus diesen Trümmern bilde ich meine Welt" so ein Gedanke aus den letzten Jahren, die schon von Krankheit geprägt waren.
"Jeden Schriftsteller überrascht es von Neuem, wie das Buch, sobald es sich von ihm gelöst hat, ein eigenes Leben für sich weiterlebt; [...] schrieb Nietzsche in Menschliches, Allzumenschliches. Dieses eigene Leben des Buches wendet sich dem Leben des Lesers zu, "entzündet Leben, beglückt, erschreckt, erzeugt neue Werke [...], kurz: es lebt wie ein mit Geist und Seele ausgestattetes Wesen und ist doch kein Mensch."
Aber hierin entdeckt der Leser den Schriftsteller, Lyriker, Philosophen Nietzsche und erinnert sich am 25.08. an seinen 111. Todestag.
Sils Maria, im August 2011
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